
2008
20.11.2008
Pressemeldung des Deutschen Bundestages -
Bundestagspräsident Lammert bei der öffentlichen Beratung
des Petitionsausschusses zum Thema "Heimkinder"
Pressemitteilung des Deutschen Bundestages:
20.11.2008
Heimkinder der Nachkriegszeit melden sich zu Wort
17. November 2008
shz.deSchlewig-Holsteiner-Zeitung
Ein dunkles Kapitel kommt ans Licht
Von Christine Reimers
22. Oktober 2008
NDR 1 Niedersachsen21.09.2008
ZEIT online, Tagesspiegel
Entschädigung:
Bundestag will sich um ausgebeutete Heimkinder kümmern
15.09.2008
HAZ.de Hannoversche Allgemeine
NDR: Schwere Misshandlungen in kirchlichen Kinderheimen
5. September 2008
Frankfurt-live.com
Bleibe auf Zeit
Kinder- und Jugendheim Buchenrode feiert fünfzigjähriges Bestehen
14.08.2008
tagesspiegel
http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Bistum-Bamberg-Missbrauch;art122,2592510
Missbrauch
Wenn der Glaube weh tut
6. August 2008
HL-live.de
Baasch: Fürsorgeerziehung aufarbeiten
22.07.2008
Neues Deutschland
»Fürsorge« im Streifenhemd der Nazis
17. 7. 2008
Pressedienst - Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein
Monika Heinold:
Menschenrechtsverletzungen muss man beim Namen nennen
17. Juli 2008
Presseinformation der FDP Landtagsfraktion Schleswig-Holstein Nr. 221/2008 Kiel, Donnerstag, 17. Juli 2008
Wolfgang Kubicki:
,,Den Opfern helfen, das Erlebte zu überwinden."
17. Juli 2008
Presseinformation der CDU-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein
Heike Franzen:
Geschehnisse in den Landesfürsorgeheimen aufarbeiten
17.07.2008
Presseinformation der SPD-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein
Wolfgang Baasch:
Missstände in der Fürsorgeerziehung bundesweit aufarbeiten
17.07.2008
Presseinformation Südschleswigscher Wählerverband
Anke Spoorendonk
Entschließung des Landtages zur Unterbringung und Zwangsarbeit von Kindern/Jugendlichen in ehemaligen Heimen der Landesfürsorgeerziehung
16.07.2008
Presseinformation der SPD-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein
Bedauern über Vorfälle im Fürsorgeheim Glückstadt
26.6.2008
Der Tagesspiegel
Direkt zum Tagesspiegel
Interview mit Peter Wensierski
"Das Schweigen ist durchbrochen"
22.Juni 2008
READERS EDITION
Kinder- und Jugendhilfetag in Essen: Offener Brief an Bischof Huber
13. Juni 2008
Berliner Umschau
Entschuldigung für jahrzehntelanges Leid
Kanadas Ministerpräsident bittet Ureinwohner um Verzeihung
11. Juni 2008
Focus-online
Kanada
Entschuldigung bei Indianern
3. Juni 2008
SHZ.de
NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU
ZDF-Dokumentation über Fürsorgeheim
27. Mai 2008
SHZ.de -
URL: http://www.shz.de/
SCHLESWIG-HOLSTEIN
Gefangen im Namen der Fürsorge24.04.2008
RP ONLINE
www.rp-online.de/public/article/solingen/559776/Tore-die-geschlossen-bleiben.html
Tore, die geschlossen bleiben22.04.2008
ZDF frontal 21
Torf stechen: Schwerstarbeit für "Heimzöglinge"
Zwangsarbeit für die Kirche?Sendung ansehen: Frontal 21
18.April 2008
READERS EDITION
Papa, böse Kinder kommen in böse Kliniken (XXXVII):
Frontal 21 berichtet über Heimkinder
19.02.2008
READERS EDITION
Papa, böse Kinder kommen in böse Kliniken (XVI)NETZEITUNG.DE
13. Februar 2008
Australien kämpft um neues Image12.02.2008
Wiesbadener Tagblatt
Die Schwachen nur als Last empfunden25. Januar 2008
rbb-online
zibb vom 25.1.2008
Tatsachenbericht
Entschädigung für ehemalige Heimkinder23.01.2008
Junge Welt
Tausende Einzelfälle
Ehemalige Heimkinder fordern Entschädigung für Sklavenarbeit.22.01.08
Der Paritätische Gesamtverband
Die Erfahrungen und Forderungen ehemaliger Heimkinder waren wieder Thema einer
Anhörung im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages22.01.2008
domradio - kna
Verlorene Jahre
Ehemalige Heimkinder fordern Runden Tisch21.Januar 2008
Die Welt - Online
Runder Tisch im Skandal um Heim in Glückstadt
18.Januar 2008
taz.de
Justizskandal im Jugendheim
Das Leiden von Glückstadt
04.01.2008
3. Januar 2008
Rheinische Post:
NRW - also doch Erziehungscamps
Thüringer Allgemeine
Aufgewachsen im Kinderheim in Eisenach, drehte eine Frau einen Lehrfilm für Erzieher in den USA1. Januar 2008
n-tv
US-"Boot Camps"
Manche überleben nicht
2008
Pressemeldung des Deutschen Bundestages -
20.11.2008
Bundestagspräsident Lammert bei der öffentlichen Beratung
des Petitionsausschusses zum Thema "Heimkinder"
Zeit: Mittwoch, 26. November 2008, 17 bis 19 Uhr
Ort: Paul-Löbe-Haus, Europasaal 4.900
Zum Thema der Heimunterbringung in den 60er und 70er Jahren führt der Petitionsausschuss am 26. November 2008 eine öffentliche Beratung durch, an der auch Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert und Vizepräsidentin a.D. Dr. Antje Vollmer teilnehmen werden. Auch acht Betroffene des Vereins ehemaliger Heimkinder wurden eingeladen.
Das Parlamentsfernsehen überträgt die Sitzung im Anschluss an die Plenarsitzung im Web-TV und zudem wird sie im Video-on-Demand-Bereich bereitgestellt. Bild- und Tonaufzeichnungen von Dritten sind während der Sitzung nicht gestattet. Medienvertreter können jedoch die Sitzung vom Parlamentsfernsehen mitschneiden lassen. Interessierte Redaktionen wenden sich bitte an Herrn Erwin Ludwig vom Sekretariat des Petitionsausschusses, Tel. 030 227 33845.
Interessierte Zuhörer, die keinen Hausausweis des Bundestages haben, melden sich bitte unter Angabe von Namen und Geburtsdatum beim Sekretariat des Petitionsausschusses, Platz der Republik 1, 11011 Berlin (Tel.: 030 227 35257, Fax: 030 227 36053, E-Mail: vorzimmer.peta@bundestag.de) an. Zum Einlass wird ein gültiger Personalausweis benötigt.
Für Medienvertreter gelten die üblichen Akkreditierungsregelungen des Bundestages.
Herausgeber
Deutscher Bundestag, PuK 1 - Referat Presse - Rundfunk - Fernsehen
Dorotheenstraße 100, 11011 Berlin
Tel.: (030) 227-37171, Fax: (030) 227-36192
http://www.bundestag.de/aktuell/archiv/2008/22815554_kw48_petitionen2/
Pressemitteilung des Deutschen Bundestages:
20.11.2008
Heimkinder der Nachkriegszeit melden sich zu Wort
Öffentliche Sitzung des Petitionsausschusses mit Bundestagspräsident Lammert
Kinder, die von 1949 bis 1975 in öffentlichen Erziehungsheimen der Bundesrepublik Deutschland untergebracht waren, stehen im Mittelpunkt einer öffentlichen Sitzung des Petitionsausschusses am Mittwoch, dem 26. November 2008.
Dem Ausschuss liegen elf Petitionen vor, in denen die damalige Heimsituation der Kinder und Jugendlichen kritisiert wird. Dabei geht es um Grundsatzfragen zum Beitrags- und Versicherungsrecht in der gesetzlichen Rentenversicherung.
Zur Sitzung sind acht Betroffene des Vereins ehemaliger Heimkinder eingeladen. An der Beratung werden auch Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert und die frühere Bundestagsvizepräsidentin Dr. Antje Vollmer teilnehmen.
Das Parlamentsfernsehen überträgt die Sitzung im Anschluss an die Plenarsitzung im Web-TV. Zudem kann sie als Video-on-Demand im Internet abgerufen werden.
Hinweis: Bild- und Tonaufzeichnungen während der Sitzung sind nicht zugelassen.
Zeit: Mittwoch, 26. November 2008, 13.00 bis 15.00 Uhr
Ort: Berlin, Paul-Löbe-Haus, Europasaal 4.900
Teilnahme an der Sitzung
Interessierte Zuhörer können sich unter Angabe von Namen und Geburtsdatum beim Sekretariat des Petitionsausschusses, Platz der Republik 1, 11011 Berlin, Tel. 030/227-35257, Fax: 030/227-36053, E-Mail: vorzimmer.peta@bundestag.de, anmelden. Zur Sitzung bitte den Personalausweis mitbringen.
Medienvertreter werden gebeten, sich beim Pressereferat (Telefon: 030/227-329239 oder 32924) anzumelden. Sie haben die Möglichkeit, sich die Sitzung vom Parlamentsfernsehen mitschneiden zu lassen (Kontakt: Sekretariat des Petitionsausschusses, Tel. 030/227-33845).Nicht nur im Fürsorgeheim Glückstadt wurden Kinder und Jugendliche gequält - 8000 Akten werden aufgearbeitet
Unwürdige "Umerziehung"
Kiel/Glückstadt - Tausende Kinder und Jugendliche waren zwischen 1949 und 1974 im Landesfürsorgeheim eingesperrt. Wurden gedemütigt, misshandelt, zu unentgeltlicher Arbeit gezwungen. "Umerziehung" lautete das Ziel. Die Vorgänge im Landesfürsorgeheim Glückstadt sollen jetzt anhand von über 8000 Akten im Landesarchiv systematisch aufgearbeitet und die Ergebnisse in einer Ausstellung im Landeshaus Ende 2009 präsentiert werden. Das ist das Resultat des "2. Runden Tisches zur Fürsorgeerziehung", der am Wochenende in Kiel stattfand und der auch zeigte: Glückstadt ist kein Einzelfall gewesen.
Eine orangefarbene Karteikarte ist für die Betroffenen zum Symbol geworden für das Heim, in das sie zwangsweise und in der Regel ohne richterlichen Beschluss als Kinder oder Jugendliche eingesperrt wurden. Denn die Karte offenbart mit deutscher Gründlichkeit den Geist in jenem Glückstädter Backsteinbau, der den Nationalsozialisten als Arbeitserziehungslager gedient hatte. "Die Karteikarten hatten wie so vieles andere problemlos die NS-Zeit überdauert. Man schrieb einfach über die Worte Arbeitserziehungslager, Häftling und Lagerkommandant handschriftlich Landesfürsorgeheim, Zögling und Heimleiter - fertig", sagt Otto Behnck aus Schwedeneck. Mit anderen Betroffenen forderte er 2007 die öffentliche Aufarbeitung der Vorgänge in Glückstadt und die Rehabilitation der damaligen "Heiminsassen". Unterstützung fanden die Betroffenen bei Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die zügig einen Runden Tisch einrichtete und Prof. Christian Schrapper von der Universität Koblenz mit der Aufarbeitung beauftragte.
"Diese Arbeit ist noch lange nicht am Ende, aber es gibt deutliche Hinweise dafür, dass sich die menschenverachtende Praxis des Arbeitserziehungslagers in dem Fürsorgeheim fortgesetzt hat", sagte Schrapper am Wochenende. Der Wissenschaftler will jetzt mit seinem fünfköpfigen Team untersuchen, ob neben der Einrichtung - von den Karteikarten und der alten Häftlingskleidung bis zur Isolierzelle im Keller - auch Aufseher des NS-Lagers vom Land als Heimpersonal übernommen wurden. "Irritierend ist dabei ein Sachverhalt: 1949 wurde offiziell festgestellt, dass das ehemalige NS-Lager nicht als Heim geeignet sei. Dennoch fiel zwei Wochen später die Entscheidung, dort ein Heim für 125 Kinder und Jugendliche einzurichten", berichtete Schrapper. Und: Obwohl es mehrfach Jugendlichen gelang, dass ihre Beschwerden über die menschenverachtenden Zustände in dem Heim nicht wie üblich vor ihren Augen zerrissen wurden, sondern offizielle Stellen erreichten und die Missstände öffentlich wurden, konnte das menschenverachtende System bis 1974 fortbestehen.
Neben der Kontinuität aus der NS-Zeit wird Schrapper auch die Frage untersuchen, ob für die Arbeit der Zöglinge (45 Stunden pro Woche) Rentenversicherungsbeiträge gezahlt wurden. Der Ehemalige Rolf Breitfeld, der 1968/9 in Glückstadt leben musste und dadurch seine Schlosserlehre nicht beenden konnte, berichtete, dass seine Arbeit in Glückstadt bei der Rentenberechnung nicht anerkannt worden sei. "Es muss auch geklärt werden, ob und an wen die Firmen, für die die Jugendlichen entweder im Heim oder extern gearbeitet haben, Geld gezahlt haben", forderte Trauernicht.
Der frühere Segeberger Landrat Georg Gorrissen steht den Betroffenen ab sofort als unabhängiger Ansprech- und Beratungspartner zur Verfügung (zu erreichen über E-Mail georg@georg-gorrissen.de). Er rechnet damit, dass sich auch Betroffene aus anderen Heimen melden werden. Wie jene 38-Jährige, die mit acht Monaten in ein Kinder- und Säuglingsheim im Kreis Segeberg gebracht wurde und dort in den folgenden zehn Jahren nach eigener Aussage "Gewalt, Missbrauch und Bestrafungen wie Schlaf- und Essensentzug in einem unerträglichen Ausmaß miterleben musste, bis die radikale Wende in der Sozialpädagogik Einzug hielt".
Gorrissen wird sich zudem der ungeklärten Todesfälle in Glückstadt annehmen. Dazu zählen die bis jetzt amtlich festgestellten fünf Selbsttötungen. Zudem geht es um einen Zögling, der aus dem Heim türmte und in der Nähe von Heiligenstedten von einem Jagdpächter erschossen wurde, sowie um zwei Zöglinge, die bei ihrer Flucht in der Elbe ertrunken sein sollen.
URL: http://www.kn-online.de/schleswig_holstein/aus_dem_land/?em_cnt=61842&em_loc=13shz.deSchlewig-Holsteiner-Zeitung
17. November 2008
Ein dunkles Kapitel kommt ans Licht
Von Christine Reimers
Vergitterte Fenster, Schläge und Einträge in alten Nazi-Formularen: Die düstere Epoche der Jugenderziehung soll aufgearbeitet werden - am Beispiel des Glückstädter Landesfürsorgeheims, das 1974 geschlossen wurde.
Dokument des Leidens: Der Personalbogen - einst für Häftlinge in der Nazi-Zeit benutzt, später für "Zöglinge" des Landesfürsorgeheims umfunktioniert. Repro: Staudt
Das ehemalige Jugendheim in Glückstadt war berüchtigt. Wer nicht parierte, kam in den Bunker. Schläge waren nicht ungewöhnlich. Harte Arbeit gehörte zum Alltag. Die Geschichte des Landesfürsorgeheimes, das 1974 auf politischen Druck geschlossen wurde, soll jetzt wissenschaftlich aufgearbeitet werden. "Dazu sind wir fest entschlossen", sagt Prof. Dr. Christian Schrapper jetzt auf einem Treffen in Kiel mit ehemaligen Heimzöglingen und Familienministerin Gitta Trauernicht.
Der Erziehungswissenschaftler aus Koblenz übernimmt die Auswertung der 3100 Akten des Heimes aus dem Landesarchiv Schleswig. Zudem stellt er Material für eine Ausstellung über das Landesfürsorgeheim zusammen. Sie soll im Dezember kommenden Jahres zuerst im Kieler Landeshaus gezeigt werden. Das sind die Ergebnisse des Runden Tisches, an dem auch Landrat a. D. Georg Gorrissen teilnahm. Er ist ab jetzt Ansprechpartner für ehemalige Heimzöglinge. Und er wird gemeinsam mit Prof. Schrapper Betroffene unterstützen, die ihre Akten im Landesarchiv einsehen wollen. Prof. Dr. Schrapper wertete die Zusage beim Runden Tisch als "mutig". "Das hat politische Gründe. 2010 sind Landtagswahlen. Deshalb müssen wir bei dem Thema Dampf machen."
Tabu wird gebrochen
Die Finanzierung des Projektes muss im Dezember im Landtag noch abgesegnet werden. Ministerin Trauernicht zeigte sich optimistisch, dass es keine Hürden geben wird. Denn es gehe nicht nur um eine Aufarbeitung, sondern auch um die "Zukunft menschlicher Jugendhilfe". Sie stelle sich gerne an die Spitze der Heim erziehung. Die Bedrohung, wieder geschlossene Heime einzuführen, sei ganz nah. Der Runde Tisch helfe für die Zukunft zu arbeiten. "Hier wird ein Tabu aufgebrochen." Sie dankte den ehemaligen Heimzöglingen: "Die zweite Empörungswelle wurde von Ihnen losgetreten." Alle Beteiligten des Runden Tisches werden direkt oder indirekt an der Aus stellung mitwirken. Denn die Thematik ist nicht einfach. Das Landesfürsorgeheim war während des Dritten Reiches ein KZ - dies belegen Unterlagen des Holocaust Museums in Washington - und Lager für russische Zwangsarbeiter.
Thema in Kiel war jetzt auch, wer von den Mitarbeitern, die vor 1945 dort arbeiteten, später im Heim als Erzieher eingesetzt wurden. Weiterhin geht es um die Verantwortung der Heimaufsicht - sie unterlag damals dem Ministerium. Dort waren die unhaltbaren Zustände bekannt. Dies geht aus alten Protokollen hervor. Zudem werden unter anderem Themen wie der Alltag im Landesfürsorgeheim, Arbeit als Erziehung, Strafpraxen und Todesfälle bearbeitet.
Peter Hub war 16 Jahre alt, als er seine Lehre zum Industriekaufmann "hinschmiss". 1971 war dies für seinen Stiefvater Grund genug, das Jugendamt einzuschalten. Peter Hub landete im Landesfürsorgeheim in Glückstadt. Der heute 53-Jährige ist einer von mehreren ehemaligen Zöglingen, die helfen, die Geschichte des Heimes aufzuarbeiten.
Email: georg@georg-gorrissen.de
Leserkommentare
HEINRICH THOMSEN
17.11.2008 12:47
Landeserziehungsheim
Dem Mut und dem Engagement einiger früherer "Insassen" dieser Anstalt verdanken wir, dass die Geschichte nun endlich bearbeitet wird.
Es ist eine Schande, dass erst jetzt dafür Interesse und Mittel bereit gestellt werden.
Warum ist die Stadt Glückstadt nicht aktiv beteiligt?
Mag man sich mit diesem Teil seiner Geschichte nicht befassen?
Muß ein Professor aus Koblenz forschen, wo doch sicher qualifizierte Wissenschaftler in Schleswig-Holstein und Hamburg existieren? Hier müßten doch Soziologen, Kriminologen und Psychologen ein Interesse haben, zu forschen - und das mit Mitteln, die das Land sowieso für die Hochschulen einsetzt.
Wenn die Stadt Glückstadt sich hier nicht aktiv einbringt, dann sagt das schon viel über die Stadt aus!
ROLF BREITFELD
17.11.2008 15:22
landesfürsorgeheim glückstadt
die kontinuität zur ns-zeit liesse sich sehr leicht nachweisen.
man nehme sich die personalakten der damaligen "erzieher", denn dort steht ja wohl auch drin wo diese vorher beschäftigt waren. oder will das mal wieder keiner?
eine aktive beteiligung der stadt glückstadt würde ich begrüssen.
ich möchte allerdings dazu bemerken dass meine dortigen anfragen stets zu meiner zufriedenheit beantwortet wurden. ein lob auch dem detlefsen-museum.
und hier noch ein aufruf an alle glückstädter bürger:
wer weiss noch etwas über personal und wärter der ehemaligen landesarbeitsanstalt? die meisten sind sowieso verstorben.
unter tel. 030/7824805 bin ich zu erreichen und sichere ihnen vertraulichkeit zu.
rolf breitfeld, "ehemaliger" 1965/66.
Bundestag will Nationale Konferenz für misshandelte Heimkinder einrichten
Der Deutsche Bundestag will nach Informationen von NDR 1 Niedersachsen die Misshandlungen an ehemaligen Heimkindern umfassend aufklären.
In einer Nationalen Konferenz soll die "Fehlentwicklung in den Kinderheimen von 1945 bis 1975" aufgearbeitet werden - das erfuhr NDR 1 Niedersachsen aus Kreisen der Opferverbände.
Die Mitglieder des Bundestags-Petitionsausschusses sind sich demnach einig, den Opfern der Gewaltexzesse mit der Konferenz ein Forum zu geben, Bundestagspräsident Lammert will den Beschluss Ende November offiziell verkünden.
Die Konferenz soll Entschädigungszahlungen für die ehemaligen Heimkinder beraten, aber auch eine wissenschaftliche Erforschung der Heimunterbringung in der Nachkriegszeit in Auftrag geben. Zudem soll über Hilfen für bis heute traumatisierte ehemalige Heimkinder beraten werden.
Experten gehen von einer halben Million Kinder aus, die in bundesdeutschen Kinderheimen bis in die 70er Jahre hinein massiver auch sexueller Gewalt ausgeliefert waren oder zwangsweise arbeiten mussten.
Holger Bock
NDR 1 Niedersachsen Tel. 0511 988-2191
ZEIT online, Tagesspiegel
21.09.2008
Entschädigung:
Bundestag will sich um ausgebeutete Heimkinder kümmern
In den 50er und 60er Jahren wurden Kinder in deutschen Heimen zur Arbeit gezwungen und ausgebeutet. Für Wiedergutmachung will sich nun der Bundestag einsetzen.
Nach der evangelischen Kirche will nun auch der Bundestag die lange verschwiegene Ausbeutung von Kindern in deutschen Heimen zwischen 1945 und 1970 thematisieren. Wie das Magazin Der Spiegel berichtet, hat der Petitionsausschuss eine entsprechende Vorlage erarbeitet. Darüber hinaus will das Gremium nach Möglichkeiten der Wiedergutmachung für die Misshandlungen suchen.
Geplant sei eine bundesweite Konferenz, auf der Vertreter der Betroffenen mit ehemaligen Betreibern der Heime über konkrete Hilfen für die Geschädigten beraten sollen. Der Präsident der Diakonie, Klaus-Dieter Kottnik, habe Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) aufgefordert, die Finanzierung zu übernehmen. Vorgeschlagen wurde demnach auch eine Stiftung, in der neben Kirchen und Staat diejenigen Firmen einzahlen sollen, die von der Kinderarbeit profitiert haben.
Anfang vergangener Woche hatte die Diakonie in Niedersachsen die Misshandlung und den Missbrauch von Kindern in ihren Heimen in den 50er und 60er Jahren eingeräumt. (ut/dpa)
HAZ.de Hannoversche Allgemeine
15.09.2008
NDR: Schwere Misshandlungen in kirchlichen Kinderheimen
In kirchlichen Kinderheimen ist es nach Recherchen des Senders NDR 1 Niedersachsen in den 50er und 60er Jahren zu schweren Misshandlungen bis hin zu sexuellem Missbrauch gekommen.
Das werde durch eine Dokumentation belegt, die von der Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers in Auftrag gegeben wurde, teilte der Sender am Montag in Hannover mit.
Der Autor gehe sogar davon aus, dass die Übergriffe die Regel gewesen seien. Bislang hätten Diakonie und Caritas immer von Einzelfällen gesprochen. In den Heimen habe es Fußtritte, Schläge, Demütigungen und sogar Vergewaltigungen von Kindern durch Aufseher gegeben, hieß es. Außerdem seien Formen von Zwangsarbeit verordnet worden wie Torfstechen oder Straßenbau. Bundesweit seien rund eine halbe Million Kinder von Gewalt in kirchlichen Heimen betroffen gewesen.
Der NDR berichtet von einem konkreten Fall aus der Diakonie Freistatt bei Diepholz. Ein Zeitzeuge, der dort aufwuchs, beschreibt dem Sender, dass die Betreuer die Kinder im Entengang um einen Tisch hätten laufen lassen. Wer sich nicht gebückt habe, sei mit einem Stock brutal traktiert worden. Er selbst sei mehrere Male blutig geschlagen worden.
Viele der Opfer leben laut NDR heute in Armut und haben sich nie richtig von dem erlittenen Unrecht erholt. Bis heute hätten sich die beiden großen Kirchen weder bei ihnen entschuldigt noch eine Entschädigung gezahlt.
Die Diakonie Freistatt will den Angaben zufolge im kommenden Jahr ein Buch über die Vorfälle vorlegen.
Frankfurt-live.com
5. September 2008
Bleibe auf Zeit
Kinder- und Jugendheim Buchenrode feiert fünfzigjähriges Bestehen
Niederrad - Am Freitag, 5. September, feiert die Frankfurter Stiftung Waisenhaus das fünfzigjährige Bestehen des Kinder- und Jugendheims Buchenrode in der Niederräder Landstraße 38 mit einem großen Sommerfest. Ab 13 Uhr sind ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner, Eltern, Nachbarn sowie interessierte Bürger eingeladen, sich selbst ein Bild von der Jugendhilfeeinrichtung zu machen.
In einem Erzählcafé interviewt die Sozialarbeiterin und stellvertretende Direktorin der Stiftung Barbara Bornemann-Sörgel ab 13.30 Uhr zwei frühere Bewohnerinnen und einen Bewohner. Sie berichten über ihre Erfahrungen mit der Heimerziehung der fünfziger und sechziger Jahre, über ihre oft traumatischen Erlebnisse und wie sie trotzdem ihr Leben meisterten. Ein Rundgang durch das soeben grundsanierte und erweiterte Haus Buchenrode informiert über die inzwischen fundamental veränderte Heimerziehung, die den Betreuten heute endlich Mitspracherechte einräumt. Im Garten und auf den Sportplätzen der Einrichtung werden zahlreiche Aktivitäten für Kinder und Jugendliche angeboten. Bei einem Imbiss können sich die Besucher über ihre Eindrücke austauschen.
Bei dieser Gelegenheit wird der Direktor der Stiftung Peter Gerdon die zum Jubiläum erscheinende 84-seitige Broschüre "Bleibe auf Zeit. 50 Jahre Kinder- und Jugendheim Buchenrode. Ein kritischer Rückblick" vorstellen. Die beiden Frankfurter Historikerinnen Heike Drummer und Jutta Zwilling stellen darin die Geschichte von Haus Buchenrode im Kontext städtischer und privater Fürsorgepolitik vor. Dabei lässt sich in den letzten fünf Jahrzehnten der Wandel zu einer modernen, differenziert ausgestalteten Kinder- und Jugendhilfe ablesen; gerade in der Main-Metropole maßgeblich beeinflusst von der "Heimkampagne" 1969/70. In der Publikation kommen auch zwei "Ehemalige" des Kinder- und Jugendheims Buchenrode zu Wort. Deren eindrucksvolles Ringen um Selbstbestimmung, persönliches Glück und die Suche nach ihrer Herkunft geben einen unmittelbaren Eindruck von langfristigen Einflüssen der damaligen Heimerziehung.
Die Stiftung Waisenhaus übernahm 1996 Eigentums- und Betriebsträgerschaft für das Kinderhaus Buchenrode von der Stadt Frankfurt am Main. Seniorin im Vorstand der Stiftung ist seit 2007 Stadträtin Daniela Birkenfeld, ihre Vertretung übernimmt Stadträtin Lilli Pölt.
tagesspiegel
14.08.2008)
Missbrauch
Wenn der Glaube weh tut
Im Bistum Bamberg soll der ehemalige Personalchef mehrere Jungen missbraucht haben, doch der will sich an nichts erinnern können. Der Beschuldigte war früher Rektor im Knabeninternat. Die Opfer leiden noch 25 Jahre danach. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Im Erzbistum Bamberg soll ein hoher Geistlicher vor 25 Jahren Internatsschüler missbraucht haben. - Foto: dpa
VON CLAUDIA KELLER
Berlin - Er hatte auf eine Entschuldigung gehofft. Sie würde es leichter machen, mit dem Geschehenen umzugehen. Nun wurde seine Geschichte öffentlich, und es geht ihm schlechter als vorher, sagen Menschen, die ihm nahe stehen. Der Mann, von dem hier die Rede ist, und dessen Namen nicht genannt werden soll, wurde sexuell missbraucht von einem Priester der katholischen Kirche.
Heute ist der Mann 41 Jahre alt. Was geschehen ist, liegt mehr als 25 Jahre zurück. Dennoch quält es ihn immer noch. So sehr, dass er sich im Herbst 2007 an das Erzbistum Bamberg wandte. Denn der Mann, der ihn missbraucht haben soll, ist Domkapitular und war bis vor kurzem Personalchef des Bistums. Der 63-jährige Otto Münkemer ist in hierzulande der höchstrangigste Geistliche, dem sexuelle Übergriffe an Minderjährigen zur Last gelegt werden. Von 1976 bis 1991 arbeitete er im Erzbischöflichen Knabenseminar Ottonianum in Bamberg, 13 Jahre leitete er die Einrichtung. In dieser Zeit soll es zu Übergriffen gekommen sein. Das Erzbistum hat mittlerweile Kontakt zu vier ehemaligen Schülern, die davon berichtet haben, dass sie von Münkemer bei Untersuchungen unsittlich berührt worden seien. Es gehe um Manipulationen im Intimbereich, sagt Bistumssprecher Michael Kleiner.
Das Bamberger Bistum hat wie es die Bischofskonferenz allen Bistümern empfohlen hat bereits 2002 eine Untersuchungskommission zur Aufdeckung und Verhütung von sexuellem Missbrauch ins Leben gerufen, die von einem externen Psychotherapeuten und Moraltheologen geleitet wird. Dieser ging den Vorwürfen vergangenen Herbst nach. Der Beschuldigte stritt alles ab. Dann hätten sich die Vorwürfe aber erhärtet, sagt der Bistumssprecher. Der Domkapitular könne sich an nichts mehr erinnern. Er wurde beurlaubt, mittlerweile sei er von seinem Amt zurückgetreten. Mit ihm zu sprechen, ist nicht möglich. Nach Auskunft des Bistums hält er sich in einer therapeutischen Einrichtung auf.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt und hat bislang zwei mutmaßliche Opfer vernommen. Gerüchte, wonach sich Männer vor 20 Jahren das Leben genommen hätten, weil sie von Münkemer missbraucht worden seien, könne er nicht bestätigen, sagt der Bamberger Oberstaatsanwalt Joseph Düsel. Er selbst habe damals die Ermittlungen nach den Suiziden geleitet. Auf einen Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch sei er nicht gestoßen. Dennoch steht für Düsel fest: In dem Internat ist etwas vorgefallen. Zu einer Anklage werde es aber wohl nicht kommen, die Taten seien verjährt.
Ende Juli sicherte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick in einem Brief an die Bistumsmitarbeiter zu, dass man alles tun werde, um den Fall aufzuklären und dass man sich dabei streng an die Vorgaben der Bischofskonferenz halte. Auch rief er potenzielle Zeugen auf, sich zu melden.
Trotz dieser Offenheit steht das Bistum in der Kritik. Denn auf Einladung der Untersuchungskommission kam es zur Gegenüberstellung des 41-jährigen, früheren Internatsschülers mit seinem mutmaßlichen Peiniger ein Verstoß gegen die Richtlinien der Bischofskonferenz, die empfiehlt, Opfer und Beschuldigte getrennt voneinander anzuhören. Die Konfrontation mit dem mutmaßlichen Täter sei auf Wunsch des Opfers zustande gekommen, sagt Bistumssprecher Kleiner. Der 41-jährige Mann sagt, er sei zu dem Gespräch gelockt worden, man habe ihm Hoffnung auf eine Entschuldigung seitens des Bistums gemacht. Aussage steht gegen Aussage.
Nach den Vorgaben der Bischofskonferenz hätte das Bistum Münkemer anzeigen müssen, als sich die Vorwürfe verdichteten. Oberstaatsanwalt Düsel erfuhr von dem Fall aus der Zeitung. Wollte das Bistum den Fall vertuschen? Man habe von einer Anzeige abgesehen, sagt der Bistumssprecher, da nach Auskunft eines unabhängigen Juristen keiner der Vorwürfe heute noch justiziabel ist.
Bleibt die Frage, warum Bischof Schick gerade Münkemer 2004 zum Personalchef machte. Gerüchte über dessen Zeit am Ottonianum soll es schon lange geben. Diese Gerüchte gab es, sogar Witzchen, sagt Bistumssprecher Kleiner, aber die Gerüchte haben den Kreis der ehemaligen Internatsschüler nicht verlassen. Schick, der erst 2002 Bamberger Erzbischof wurde, habe davon nichts gewusst. Außerdem sei Münkemer sehr beliebt gewesen. Ein richtiger Pfundskerl, wie es heißt.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.08.2008)
HL-live.de
6. August 2008
Baasch: Fürsorgeerziehung aufarbeiten
Der Lübecker Landtagsabgeordnete Wolfgang Baasch (SPD) zeigt sich entsetzt über die Ergebnisse eines Runden Tisches zu der Unterbringung und Zwangsarbeit von Kindern und Jugendlichen in ehemaligen Heimen der Landesfürsorgeerziehung.
"Die Dokumentation des Runden Tisches, den die Sozialministerin mit ehemaligen so genannten Fürsorgezöglingen einberufen hat, ist eine beklemmende Lektüre. Zeigt sie doch ein Thema auf, das lange Zeit mit einem Tabu belegt war, ein Thema, bei dem sich Menschen heute kaum noch vorstellen können, dass so etwas in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik Realität war: die Fürsorgeerziehung der 50er bis 70er Jahre, die eindeutig ein dunkler Fleck auch in unserer Geschichte ist", so Baasch.
Aus heutiger Sicht sei es nahezu unfassbar, aus welchen Gründen junge Menschen in eine solche Einrichtung weggesperrt werden konnten. "Instabile Familienverhältnisse, besonders die uneheliche Geburt von einem Drittel der Insassen, die damals ja noch als Makel nicht nur für die Mutter, sondern auch für ihr Kind galt, war offensichtlich schon einmal eine 'gute' Voraussetzung. Wenn dazu noch jugendtypisches Verhalten kam, auf das wir heute sehr differenzierte pädagogische Antworten haben, war es offensichtlich möglich, dass ein 15-Jähriger von der Polizei gefesselt in Glückstadt eingeliefert wurde. Wohlgemerkt: Dieser Jugendliche hatte nicht etwa schwerste Gewalttaten begangen, die eine Eigensicherung durch die Polizisten notwendig machte, sondern z. B. ein Mofa gestohlen."
Ein wesentlicher Punkt der damaligen so genannten Fürsorge war "Erziehung durch Arbeit". "In der Regel war es erzwungene Arbeit, die nicht der beruflichen Qualifizierung der jungen Menschen diente und bei der Bildung und Ausbildung grundsätzlich nicht stattfanden. Und das Fürsorgeheim im Glückstadt hat hier offensichtlich eine ganz besonders finstere Rolle gespielt", so Baasch.
Selbstverständlich gelte auch im Falle solcher Beschuldigungen die Unschuldsvermutung. "Jedoch ist nicht zu übersehen, dass es in Jugendbetreuungseinrichtungen aller Art, aber insbesondere dann, wenn die so genannten Betreuer allmächtig und die Jugendlichen ihnen ausgeliefert sind, immer wieder gerade auch Pädophile sind, die eine Beschäftigung in einer solchen Einrichtung suchen. Wir im Landesparlament, aber auch alle im Jugendhilfebereich tätigen Träger im kirchlichen oder staatlichen Auftrag müssen uns der Verantwortung für die Aufarbeitung dieser Einrichtungen stellen. Demütigungen, Missachtung von Würde und Verletzung von Menschenrechten gilt es zu erkennen und aufzuarbeiten, wenn man deren Opfer nicht erneut demütigen will."
Neues Deutschland
22.07.2008
»Fürsorge« im Streifenhemd der Nazis
Aufenthalt im Heim Glückstadt war schlimmer als Strafvollzug / Insassen erheben ihre Stimme
Von Dieter Hanisch, Kiel
Heimerziehung in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik eine Geschichte mit dunklen Kapiteln. Interessant: Ulrike Meinhof hat sich 1970 in dem Buch »Bambule« vor ihrer RAF-Karriere kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt. Aufgearbeitet wurde es bis heute nicht.
1974 wurde das Landesfürsorgeheim im schleswig-holsteinischen Glückstadt an der Elbe geschlossen. Dort wurden von 1951 an junge Menschen unter staatlicher Aufsicht weggesperrt, gedrillt, misshandelt wie missbraucht. Es ging nicht um Erziehung; einziges Ziel war, den Willen unangepasster Jugendlicher zu brechen.
Im vergangenen Jahr haben sich ehemalige Insassen der Einrichtung erstmals öffentlich zu Wort gemeldet. Die Erzählungen ihrer Schicksale sind überaus bedrückend. Sie wandten sich an die Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) und stießen bei ihr mit diesem tabubehafteten Thema auf offene Ohren. Sie holte Betroffene an einen Tisch und ließ den Erziehungswissenschaftler Christian Schrapper aus Koblenz eine erste Dokumentation erstellen. Im Landesarchiv befinden sich noch 7000 Akten, die jetzt ausgewertet werden. Dazu schafft das Ministerium kurzfristig extra zwei Planstellen.
Experten sagen heute, dass es im Strafvollzug oft humaner zuging, mehr Rechtssicherheit vorhanden war. Beispielsweise konnte man dort auch eine Ausbildung absolvieren. Otto Behnck (56), einer der damaligen Zöglinge, versteht nicht, warum die Aufklärung der Vorgänge so schleppend vorankommt. Der heute als Markthändler arbeitende Geschäftsmann verbrachte nur drei Monate von Oktober 1970 bis Januar 1971 in dem Glückstädter Heim. Er hatte sich mit seinen Eltern überworfen, die die Jugendbehörde einschalteten. Das zuständige Amtsgericht ordnete Fürsorgeerziehung an, obwohl Behnck weder straffällig noch gewalttätig geworden war. Als seine Eltern bei einem Besuch mitbekamen, welche Methoden in Glückstadt angewandt wurden, holten sie ihren Sohn wieder ab.
Behnck fühlte sich dennoch gedemütigt, konnte aus Scham Jahrzehnte nicht darüber reden. Als er sich offenbarte, war es wie eine Befreiung. Er hat aus Gesprächen, eigener Erinnerung und durch Recherchen herausgefunden, dass es in dem 1980 abgerissenen Gebäude am Eckernförder Jungfernstieg auch zu Selbstmorden und anderen Todesfällen gekommen ist. Daher fordert er eine tiefer gehende Untersuchung der Ereignisse.
Die Heiminsassen sind auch aus anderen Teilen Westdeutschlands in die Erziehungsanstalt nach Glückstadt gekommen. So verbrachte unter anderem der RAF-Terrorist Peter Jürgen Boock dort einen Teil seiner Jugend. Anfang 1969 gab es eine Rebellion hinter den Mauern des roten Backsteingebäudes. Matratzen wurden angezündet, Zöglinge verbarrikadierten sich. Gewaltsam wurde der Aufstand niedergeschlagen.
Dort hatten die Jugendlichen Anstaltskleidung und Holzlatschen zu tragen, auf dem Dachboden mussten sie Fischernetze knüpfen. 1000 Knoten wurden mit einer Zigarette belohnt. Ferner waren die Insassen in Betrieben von Glückstadt und in der Landwirtschaft zum Arbeitseinsatz verpflichtet. »Das war nichts anderes als Zwangsarbeit«, so Behnck.
Nach und nach schlossen vergleichbare Einrichtungen bundesweit Glückstadt war eine der letzten. Dafür hat sie eine lange Geschichte: In der NS-Zeit diente sie als Schutzhaft- und Arbeitserziehungslager. Sogar die alten Streifenhemden mit dem Aufdruck »Außenkommando Glückstadt« und dem roten Winkel der politischen Häftlinge mussten getragen werden. Dazu nutzte man die verbliebenen Karteikarten der Nazis. Auf der Pappe ersetzte man »Arbeitserziehungslager« durch »Landesfürsorgeheim«, »Häftling« durch »Zögling«, »Lagerkommandant« durch »Heimleiter«.
Inzwischen sprechen alle Parteien im schleswig-holsteinischen Landtag, der sich in der letzten Woche mit dem Thema befasste, von geschehenem Unrecht. Allein, zu einer öffentlichen Entschuldigung konnte man sich nicht durchringen. Im September soll eine interfraktionelle Resolution beschlossen werden.
»Wir beharren auf einer Entschuldigung!«, sagt Behnck Für Monika Heinold, Abgeordnete der Grünen, steht außer Frage, dass die Betroffenen durch ihre Arbeitsleistungen in Glückstadt Rentenansprüche erworben haben: »Diese Frage kann aber nicht in Schleswig-Holstein entschieden werden. Dazu bedarf es einer Gesetzesinitiative von Bundesseite.« Der Verein ehemaliger Heimkinder geht von bis einer Million Betroffenen in rund 3000 staatlichen und kirchlichen Fürsorgeheimen der ehemaligen Bundesrepublik aus.
Internet-Seite der Betroffenen: www.landesfuersorgeheim-glueckstadt.de
URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/132471.fuersorge-im-streifenhemd-der-nazis.html
Pressedienst - Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
17. 7. 2008
Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein
Nr. 281.08 / 17.7.2008
TOP 25 Entschließung des Landtages zur Unterbringung und Zwangsarbeit von Kindern und Jugendlichen in ehemaligen Heimen der Landesfürsorgeerziehung
Dazu sagt die Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Monika Heinold:
Menschenrechtsverletzungen muss man beim Namen nennen
Ehemalige Heimkinder der 50er und 60er Jahre haben begonnen, offen über ihr Schicksal zu reden: Darüber, wie es war, physischer wie psychischer Gewalt ausgeliefert zu sein, sexueller Gewalt ausgeliefert zu sein, von BetreuerInnen und anderen Heimzöglingen gedemütigt zu werden. Wie es war, in Anstaltskleidung ohne Vergütung und Sozialversicherung hart arbeiten zu müssen.
Wer behauptet, die Praxis der damaligen Landesfürsorgeerziehung entsprach den gesellschaftlich akzeptierten Erziehungsmethoden der 50er, liegt falsch. Zwar gab es bis 1958 das väterliche Züchtigungsrecht und erst 1980 wurde der Begriff der elterlichen Gewalt durch die elterliche Sorge ersetzt, aber die Praxis der Landesfürsorgeerziehung war schon nach damaligem Recht menschenrechtswidrig und meilenweit von der
erziehungswissenschaftlichen Fachdiskussion überholt.
Schleswig-Holstein hätte sich an Ländern wie Hessen oder Rheinland-Pfalz orientieren können, die schon in den 40er Jahren ein striktes Verbot körperlicher Züchtigung in der öffentlichen Erziehung aussprachen. Statt dessen praktizierte Schleswig-Holstein insbesondere in Glücksstadt die harte Linie: Die MitarbeiterInnen waren in der Regel nicht pädagogisch ausgebildet, der bauliche Zustand war schlecht.
Obwohl die meisten Jugendlichen nicht aufgrund krimineller Delikte eingewiesen wurden, gab es gefängnisähnliche Zustände, einschließlich einer Isolierzelle. Erniedrigungen und Misshandlungen, Willkür und Machtmissbrauch und das Prinzip unter den Heimkindern gedemütigt zu werden oder andere zu demütigen, führten dazu, dass sich Suizidversuche häuften.
Eine Fürsorgerin des Jugendamtes Pinneberg schrieb 1969 an das Landesjugendamt, dass die Zustände in Glücksstadt jeder Menschenwürde widersprächen. Im selben Jahr ,stellte die Heimaufsicht fest, dass das Einsperren der Zöglinge rechtswidrig sei und forderte wegen mangelnder pädagogischer Einwirkung, keine Jugendlichen mehr nach Glückstadt einzuweisen. Dennoch wurde das Heim erst 1974 geschlossen als es wirtschaftlich nicht mehr rentabel war!
Trotz all dieser Erkenntnisse tun sich die Träger der damaligen Heime schwer damit, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sich für Entschädigungszahlungen einzusetzen und sich bei den Opfern für begangenes Unrecht zu entschuldigen.
Einen Anfang machte der Landeswohlfahrtsverband Hessen, ein Zusammenschluss der hessischen Landkreise und kreisfreien Städte, der im April 2006 einstimmig eine Resolution verabschiedete. In dieser spricht er sein tiefstes Bedauern über die damaligen Verhältnisse in seinen Heimen aus und entschuldigt sich bei den ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern, die körperliche und psychische Demütigungen und Verletzungen
erlitten haben. Diese Form der Entschuldigung ist es, die die damaligen Opfer erwarten, um selbst vergeben zu können.
Ein ehemaliges Heimkind aus Westuffeln formuliert es wie folgt: Vergebung ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg, das Leid, das einem Menschen zugefügt wurde, in sich zu lindern, es gar zu überwinden, denn Vergebung befreit und öffnet neue Horizonte.
Meine Fraktion appelliert an Sie, dass sich auch der Schleswig-Holsteinische Landtag entschuldigt. So, wie wir es 2001 mit einem einstimmigen Beschluss mit der Entschließung zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern in Schleswig-Holstein 1939-1945 getan haben. Es geht darum, denjenigen zu helfen, ihr persönliches Schicksal zu bewältigen, denen damals bildlich gesprochen das Rückgrat gebrochen wurde in Verantwortung des Landes. Auch erwarten wir, dass der Bundespetitionsausschuss zügig eine bundeseinheitliche Entschädigungslösung erarbeitet und insbesondere Vorschläge macht, wie die geleistete Zwangsarbeit auf die Rentenansprüche angerechnet werden kann.
Nachdem die Landesregierung mit dem runden Tisch und der vorliegenden Dokumentation erste wichtige Schritte eingeleitet hat, unterstützen wir die Absicht einer gründlichen wissenschaftlichen Aufarbeitung. Ich würde mich freuen, wenn wir nachdem der Bericht der Landesregierung vorliegt, im Herbst zu einer gemeinsamen Entschließung kommen würden.
Presseinformation der FDP Landtagsfraktion Schleswig-Holstein 17. Juli 2008
Nr. 221/2008 Kiel, Donnerstag, 17. Juli 2008
Innen/ Landesfürsorgeeinrichtungen
Wolfgang Kubicki:
,,Den Opfern helfen, das Erlebte zu überwinden."
In seinem Redebeitrag zu TOP 25 (Entschließung zu Fürsorgeeinrichtungen) erklärte der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Wolfgang Kubicki:
,,Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Heim", diesen Satz haben in der Tat ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen in den 50er, 60er und 70er Jahren gehört und selbst heute hört man noch manchmal entsprechende Sätze als Mittel zur ,,Erziehung" aus den Mündern von Eltern.
Was hinter diesem Satz damals wie heute stand, war die Drohung gegenüber dem eigenen Kind mit dem Verlust elterlicher Fürsorge, Zuneigung, Geborgenheit und Sicherheit und viele erinnern sich noch daran, dass die Drohung mit dem Heim zumeist eine sehr wirksame war.
Daher stellt sich heute die Frage, ob es nicht bereits seinerzeit zumindest unterschwellig in Teilen der Gesellschaft bekannt war und vielleicht sogar toleriert wurde, dass in Heimen und Fürsorgeeinrichtungen oftmals mit emotionaler Härte und Gewalt versucht wurde, Kinder ,,auf den rechten Weg" zu bringen.
Und wer hat nicht den Bericht im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag über das ehemalige Landesfürsorgeheim in Glückstadt vom letzten Jahr gelesen, der von Zwangsarbeit, übelster Gewalt und Isolationsunterbringung gegenüber und von Jugendlichen berichtet.
Dort steht unter anderem die Aussage eines ehemaligen so genannten ,,Erziehers", der die in Glückstadt angewandte Gewalt so rechtfertigte, ich zitiere: ,,Das waren ja alles schwer erziehbare Jugendliche, die musste man unter Verschluss halten, das waren Kriminelle."
Nun hat sich zum Glück das gesellschaftliche Bild von Erziehung weitestgehend dahin geändert, dass Gewalt kein geeignetes Mittel ist, um Kindern Grenzen aufzuzeigen. Auch die Frage, wie man Kriminalität definiert, hat sich geändert.
Früher wurden Kinder und Jugendliche in Fürsorgeanstalten eingewiesen für Gründe bzw. Taten, die heute kein Mensch mehr für auch nur auffällig hält und sie litten dort unter Bedingungen, die heute niemand mehr akzeptieren würde.
So wurden im Jahr 1959 männliche Fürsorgezöglinge in der Mehrheit wegen folgender Gründe eingewiesen: sie galten als arbeitsscheu, erziehungsschwierig, kriminell gefährdet, schwachsinnig oder triebhaft. Also Einweisungsgründe, denen die Willkür quasi auf die Stirn geschrieben steht.
Die ehemalige Fürsorgeanstalt Glückstadt ist hier ein mahnendes Beispiel. Sie galt bundesweit als eine der härtesten Anstalten - im negativen Sinne. Wie uns ehemalige Insassen berichten, waren dort Zwangsarbeit, Wegschließen in Isolation und körperliche Gewalt stets präsent, um jegliche Form von Widerwillen bei den ,,Zöglingen" zu brechen.
Daher begrüßen wir als FDP sowohl die Initiative hier im Landtag und auch die bereits stattgefundenen Bemühungen der Landesregierung, die sich im Wege eines runden Tisches mit der Aufarbeitung der Vorfälle insbesondere im Zusammenhang mit der ehemaligen Einrichtung in Glückstadt befasst.
Liest man die Dokumentation des Sozialministeriums über den runden Tisch mit ehemaligen Fürsorgezöglingen aus dem Landesfürsorgeheim Glückstadt, dann ist bereits ein guter Einstieg in die Aufarbeitung der damaligen Zustände gemacht worden.
Die Dokumentation zeigt aber auch, dass hier noch weitere Arbeit zu leisten ist. Es ist daher richtig, dass alle Fraktionen heute einen Berichtsantrag beschließen, damit die Landesregierung einen Bericht zum Stand der Ergebnisse der Aufarbeitung und zum Sachstand der Beratung des Petitionsausschusses des Bundestages in der September-Tagung geben kann.
Wir begrüßen die bereits vollzogene Maßnahme der Landesregierung, zwei zusätzliche Mitarbeiter im Landesarchiv einzustellen, um die dort über 7000 Akten zu ordnen und zu archivieren. Wir finden es richtig, dass die Landesregierung als zuständige verantwortliche Stelle bereits ihr Bedauern für die erlebten Schicksale geäußert hat.
Damit haben sich ein paar Forderungen des Antrages der Grünen erledigt. Das werden wir in den Ausschussberatungen aber noch vertiefen. Ich möchte aber noch ein paar Worte dazu sagen, warum wir uns bisher nicht auf einen gemeinsamen Wortlaut für einen interfraktionellen inhaltlichen Antrag einigen konnten.
Zunächst einmal sollten wir erst den Sachstandsbericht abwarten, bevor wir Forderungen aufstellen. Zum anderen hielten wir eine Passage im Antrag der Grünen inhaltlich nicht für richtig. Die Grünen möchten, dass dieses Parlament ? also der 16. Schleswig-Holsteinische Landtag ? gewählt im Jahr 2005 ? um Vergebung bei den Opfern bittet.
Wer um Vergebung bittet, hat Schuld auf sich geladen und das weise ich für dieses Haus zurück. Ich betone: Wir bedauern zutiefst die Vorgänge in der Landesfürsorgeeinrichtung Glückstadt. Aber eine Schuld an den damaligen
Vorgängen trifft uns nicht. Lassen Sie uns stattdessen schauen, wie wir heute den damaligen Opfern helfen können, das Erlebte so gut wie möglich überwinden."
Christian Albrecht, Pressesprecher, v.i.S.d.P., FDP Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag,
Landeshaus, 24171 Kiel, Postfach 7121, Telefon: 0431/9881488 Telefax: 0431/9881497,
E-Mail: presse@fdp-sh.de, Internet: http://www.fdp-sh.de/
Presseinformation der CDU-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein
17. Juli 2008
Sozialpolitik
Nr. 272/08 vom 17. Juli 2008
Heike Franzen zu TOP 25:
Geschehnisse in den Landesfürsorgeheimen aufarbeiten
Wir befassen uns heute mit einem Thema, das uns alle betroffen macht. In den letzten Monaten waren in unseren Zeitungen Überschriften zu lesen wie: ,,Gefangen im Namen der Fürsorge" oder ,,das Leiden von Glückstadt". Mit Erschütterung habe ich von den Schicksalen junger Menschen gelesen die im Namen der Fürsorge in Heimen untergebracht waren. Ein besonders erschreckendes Beispiel war offenbar das Landesfürsorgeheim in Glückstadt.
Betroffene berichten von unbezahlter Zwangsarbeit, von Misshandlungen und Missbrauch, von menschenunwürdigen Erziehungsmaßnahmen, wie tagelanger Isolationshaft in einer Arrestzelle oder Essensentzug, und von schwersten Demütigungen. Sie berichten, dass sie teilweise bis heute unter dem damals Erlebten leiden. Die Berichte beziehen sich auf die 1950er bis 70er Jahre.
Ich bin in dieser Zeit, nämlich 1964, geboren worden und es hat mich schon tief bewegt, was jungen Menschen geschehen sein soll, während ich eine glückliche Kindheit erleben durfte.
Das, was in Glückstadt und an anderen Orten von den Betroffenen als Unrecht angeprangert wird, kann niemand ungeschehen machen und ich will für meine Fraktion feststellen, dass wir die erlittenen Schicksale bedauern.
Glückstadt war allerdings kein Einzelfall, das wissen wir inzwischen. Bundesweit hat es diese Methoden in Erziehungsheimen gegeben. Unglaublich, dass es so viele Jahre gebraucht hat, bis endlich öffentlich gemacht wurde, was dort geschehen ist.
Ich bin der Landesregierung dankbar dafür, dass sich die Sozialministerin bereits im letzten Jahr dieser Thematik angenommen hat und sich im Rahmen eines runden Tisches mit Betroffenen zusammengesetzt und somit zu der Aufarbeitung der Geschehnisse beigetragen hat. Es liegt inzwischen eine Dokumentation dieser Gespräche vor und zwei Mitarbeiter des Ministeriums sind damit beschäftigt die inzwischen aufgefundenen rund 7.000 Akten aus dieser Zeit aufzuarbeiten.
Auf der Bundesebene beschäftigt sich der Petitionsausschuss intensiv mit den angemahnten Missständen in der Heimerziehung und prüft ob und welche Möglichkeiten es gibt, die in den Heimen erbrachten Arbeitsleistungen im Rahmen der Zwangsarbeit bei der Berechnung der Renten angemessen zu berücksichtigen.
Aber auch wir hier in diesem Hause sind gefragt, wenn es um die Aufklärung und die Anerkennung des erfahrenen Leides der Betroffenen geht. Auch wenn heute niemand mehr hier sitzt, der die damaligen Geschehnisse zu verantworten hat, so haben wir doch als Landesparlament die moralische Verpflichtung, uns mit diesen bedrückenden Berichten über die Zustände in den damaligen Landesfürsorgeheimen in Schleswig-Holstein zu beschäftigen.
In diesem Sinne empfinde ich es auch als ein richtiges Zeichen, dass wir uns fraktionsübergreifend darauf verständigen konnten, uns von der Landesregierung noch einmal ausführlich über das Geschehene und über die bereits ergriffenen Maßnahmen berichten zu lassen, um dann ? und ich hoffe, dass auch hier alle Fraktionen zusammenstehen - gemeinsam zu vereinbaren, welchen Beitrag dieses Parlament leisten kann, damit die Betroffenen zu ihrem Recht kommen.
Die CDU-Fraktion kann sich eine Aufarbeitung der Geschehnisse in Schleswig-Holstein durch einen neutralen Sachwalter vorstellen. Es kann nur in unserem Sinne sein, zu einer sachlichen Beurteilung dessen zu kommen, was sich in den Heimen der Landesfürsorgeerziehung zugetragen hat. Daraus müssen dann die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.
Wenn es unrechtmäßige Übergriffe und Verstöße gegen Menschenwürde gegeben hat, dann muss das auch aufgeklärt werden.
Pressesprecher Dirk Hundertmark Landeshaus, 24105 Kiel
Telefon 0431-988-1440 Telefax 0431-988-1444 E-mail: info@cdu.ltsh.de Internet: http://www.cdu.ltsh.de
Presseinformation der SPD-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein
17.07.2008
TOP 25: Unterbringung und Zwangsarbeit von Kindern und Jugendlichen in ehemaligen Heimen der Landesfürsorgeerziehung (Drucksachen 16/2167 und 16/2177)
Wolfgang Baasch:
Missstände in der Fürsorgeerziehung bundesweit aufarbeiten
Die Dokumentation des Runden Tisches, den die Sozialministerin mit ehemaligen so genannten Fürsorgezöglingen einberufen hat, ist eine beklemmende Lektüre. Zeigt sie doch ein Thema auf, das lange Zeit mit einem Tabu belegt war, ein Thema, bei dem sich Menschen heute kaum noch vorstellen können, dass so etwas in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik Realität war: die Fürsorgeerziehung der 50er bis 70er Jahre, die eindeutig ein dunkler Fleck auch in unserer Geschichte ist.
Aus heutiger Sicht ist es nahezu unfassbar, aus welchen Gründen junge Menschen in eine solche Einrichtung weggesperrt werden konnten. Instabile Familienverhältnisse, besonders die uneheliche Geburt von einem Drittel der Insassen, die damals ja noch als Makel nicht nur für die Mutter, sondern auch für ihr Kind galt, war offensichtlich schon einmal eine gute Voraussetzung. Wenn dazu noch jugendtypisches Verhalten kam, auf das wir heute sehr differenzierte pädagogische Antworten haben, war es offensichtlich möglich, dass ein 15jähriger von der Polizei gefesselt in Glückstadt eingeliefert wurde. Wohlgemerkt: Dieser Jugendliche hatte nicht etwa schwerste Gewalttaten begangen, die eine Eigensicherung durch die Polizisten notwendig machte, sondern z. B. ein Mofa gestohlen.
Mit dem Film In den Fängen der Fürsorge hat das ZDF dies in beklemmender Art und Weise dokumentiert. Einschüchterung und Quälerei, Psychoterror und Gewalt werden in Fürsorgeheimen von Glückstadt quer durch die Bundesrepublik geschildert. Was allein durch eine solche Art der Behandlung an Traumatisierungen bei einem jungen Menschen verursacht wird, mag man sich kaum ausmalen.
Der SPD-Abgeordnete Erwin Lingk bezeichnete anlässlich eines Besuches des Ausschusses für Volkswohlfahrt am 19. August 1969 die in Glückstadt angewendete Form der Jugendfürsorge zu Recht als verdeckten Strafvollzug statt Erziehung und setzte sich gegen den Widerstand des liberalen Sozialministers Eisenmann - für eine Schließung der Einrichtung ein.
Ein wesentlicher Punkt der damaligen so genannten Fürsorge war Erziehung durch Arbeit, d.h. in der Regel war es erzwungene Arbeit, die nicht der beruflichen Qualifizierung der jungen Menschen diente und bei der Bildung und Ausbildung grundsätzlich nicht stattfanden. Und das Fürsorgeheim im Glückstadt hat hier offensichtlich eine ganz besonders finstere Rolle gespielt.
Es ist mir selten so deutlich geworden, dass die berühmte Formulierung aus der Regierungserklärung von Bundeskanzler Willy Brandt: Wir wollen mehr Demokratie wagen!, mehr war als bloße Rhetorik, sondern auch die Forderung nach einem Bruch mit autoritären Traditionen. Wie kann man junge Menschen, die Probleme in ihrer sozialen Entwicklung haben, in ein derart abschreckendes Gebäude einsperren, das nicht nur eine traurige Vergangenheit als Zwangsarbeitshaus, sondern in den Jahren 1933 und 1934 sogar als so genanntes Wildes Konzentrationslager der Nazis hatte? Und diese Einschüchterungsarchitektur wurde noch ergänzt durch Personal, das darauf trainiert war, junge Menschen nicht aufzubauen, sondern sie zu brechen.
Selbstverständlich gilt auch im Falle solcher Beschuldigungen die Unschuldsvermutung. Jedoch ist nicht zu übersehen, dass es in Jugendbetreuungseinrichtungen aller Art, aber insbesondere dann, wenn die so genannten Betreuer allmächtig und die Jugendlichen ihnen ausgeliefert sind, immer wieder gerade auch Pädophile sind, die eine Beschäftigung in einer solchen Einrichtung suchen.
Wir im Landesparlament, aber auch alle im Jugendhilfebereich tätigen Träger im kirchlichen oder staatlichen Auftrag müssen uns der Verantwortung für die Aufarbeitung dieser Einrichtungen stellen. Demütigungen, Missachtung von Würde und Verletzung von Menschenrechten gilt es zu erkennen und aufzuarbeiten, wenn man deren Opfer nicht erneut demütigen will.
Es hat im Vorfeld der heutigen Sitzung eine Vielzahl an Gesprächen gegeben, und ich glaube, wir haben eine vernünftige Lösung gefunden. Wir wollen mit einem interfraktionellen
Antrag die Landesregierung um einen Bericht bitten. Den Entschließungsantrag der Grünen möchten wir in den Sozialausschuss und mit beratend in den Innenausschuss überweisen und dann, wenn uns der Bericht der Landesregierung vorliegt, uns darum bemühen, eine gemeinsame Entschließung zu erarbeiten.
Im Bundestag hat der Petitionsausschuss in seinem Bericht 2008 angekündigt, zu einer gemeinsamen und parteiübergreifenden guten Lösung kommen zu wollen. Das ist
ein gutes Signal auch für unsere weitere Diskussion, wenn wir das Thema ehemaliger Heimkinder aufarbeiten. Denn es bleibt festzuhalten, wir stehen in einer Diskussion, die auf Bundesebene geführt werden muss, da in der Fürsorgeerziehung, ob unter konfessioneller oder staatlicher Aufsicht, in dieser Zeit erhebliche Missstände aufzuarbeiten sind.
Für meine Fraktion und für mich will ich hier und heute sehr deutlich sagen: Es ist erschütternd, die Berichte zu lesen, die Schicksale wahrzunehmen. Die Betroffenen haben
unser Mitgefühl und wir die Verpflichtung, ihre Schicksale aufzuarbeiten. Ich danke Frau Ministerin Trauernicht, die die Initiative zu dem Runden Tisch und zur weiteren Aufarbeitung der Geschehnisse in Glückstadt ergriffen hat.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
Presseinformation Südschleswigscher Wählerverband
17.07.2008
Kiel, den 17.07.2008
Anke Spoorendonk
Entschließung des Landtages zur Unterbringung und Zwangsarbeit von Kindern/Jugendlichen in ehemaligen Heimen der Landesfürsorgeerziehung Drs. 16/2167
Eine Aufarbeitung der bundesweiten Heimerziehung in den 50'er und 60'er Jahren geschieht seit etwa fünf Jahren im Petitionsausschuss des Bundestages. Dort fordern ehemalige Heimzöglinge aus jener Zeit ihr Recht auf Entschädigung und eine Entschuldigung für das Unrecht, das an ihnen begangen wurde. Insgesamt ist dies ein besonders dunkles Kapitel westdeutscher Geschichte und seiner Justiz- und Sozialpolitik. Was sich seinerzeit hinter den Mauern von staatlichen und kirchlichen Einrichtungen zugetragen hat, macht tief betroffen. Es hat - nicht nur nach heutigem Ermessen - nichts mit der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu tun.
Daher ist es auch angemessen, dass sich der Landtag mit dem Schicksal der ehemaligen ,,Heimkinder" befasst. Ich muss aber auch sagen, dass ich es sehr bedauerlich finde, dass es nicht gelungen ist, den Ursprungsantrag der Grünen in einen interfraktionellen Antrag umzuwidmen.
Aus Sicht des SSW wäre es der Sache angemessen gewesen, wenn der Schleswig-Holsteinische Landtag sich gleich parteiübergreifend positioniert hätte. Dies wäre auch ein Signal für die Betroffenen. Unterm Strich bleibt festzustellen, dass wir über einen gemeinsamen Berichtsantrag nicht hinaus gekommen sind. Soll heißen, wenn der Bericht vorliegt, sollten wir dieses unbedingt nachholen.
Wer sich mit dem Thema ,,Heimkinder" näher befasst, wird unweigerlich bei seiner Recherche feststellen, dass sich das Landesfürsorgeheim Glückstadt durch sein unrühmliches Ansehen besonders hervortut.
Das Gebäude in Glückstadt hatte bereits eine Vorgeschichte, bevor es als Landesfürsorgeheim in den 50'er, 60'er und 70'er Jahren genutzt wurde. Als Korrektionsanstalt und Landesarbeitsanstalt wurde es von 1875 bis 1933 genutzt und in der Nazi-Zeit wurde das Gebäude als so genanntes ,,wildes KZ" genutzt, daneben und danach bis 1945 weiter als Landesarbeitshaus. Es stellt sich hierbei die Frage, was man sich überhaupt dabei gedacht hat, Kinder und Jugendliche in einem Gebäude mit einer solchen Geschichte wegzusperren. Es macht aber deutlich und ist symbolisch dafür, nach welchem Muster die Erziehung in dem Heim stattgefunden hat. Ziel dieser Erziehung war es, Kindern und Jugendlichen ihr unsittliches und asoziales Verhalten auszutreiben und um sie unter furchtbaren Bedingungen gefügig zu machen, damit sie gehorsam und ordentlich wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden können.
Es handelte sich hierbei nicht ausschließlich um jugendliche Straftäter, die eine Strafe abzusitzen hatten - auch waren zum damaligen Zeitpunkt nicht alle Insassen als Straftäter verurteilt. Sie waren gesellschaftlich verurteilt und die Einweisungsgründe reichen von ,,Arbeitsscheu triebhaft" und ,,Arbeitsscheu haltlos" bis erziehungsschwierig, kriminell gefährdet und schwachsinnig. Damit es hier nicht zu Missverständnissen kommt, auch jugendliche Straftäter hätten damals niemals unter solchen Bedingungen weggesperrt werden dürfen.
Der ,,Ausschuss für Volkswohlfahrt" des Schleswig-Holsteinischen Landtages hat sich 1969 - nachdem es einem Aufstand im Landesfürsorgeheim gegeben hat ? in zwei Sitzungen mit dem Landesfürsorgeheim beschäftigt. Mit Entsetzen liest man die Protokolle von damals und steht fassungslos der Tatsache gegenüber, dass das Heim erst Ende 1974 geschlossen wurde.
?
Wir haben heute die Chance dieses Kapitel gemeinsam mit damaligen Heiminsassen aufzuarbeiten. Daher begrüßen wir die Initiative von Ministerin Trauernicht, ehemalige Jugendliche der damaligen Landesfürsorgeanstalt Glückstadt, zu einem Runden Tisch einzuladen und darüber hinaus zwei Mitarbeiter im Landesarchiv einzustellen, um die dort lagernden über 7000 Akten zu ordnen und zu archivieren. Eine Dokumentation des ersten Runden Tisches liegt bereits vor. Gemeinsam wurde dort beschlossen, dass eine weitergehende Aufarbeitung verfolgt werden soll. Ich denke, dies macht deutlich, dass Schleswig-Holstein sich seiner Verantwortung gegenüber den seinerseits Schutzbefohlenen bewusst ist.
Presseinformation der SPD-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein
16.07.2008
Kiel, 16.07.2008, Nr.: 201/2008
Sandra Redmann und Wolfgang Baasch:
Bedauern über Vorfälle im Fürsorgeheim Glückstadt
Zur Debatte um die Vorgänge in ehemaligen Heimen der Landesfürsorgeerziehung erklären die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Sandra Redmann, und der sozialpolitische Sprecher Wolfgang Baasch:
Sozialministerin Dr. Gitta Trauernicht hat mit der Dokumentation ,,Runder Tisch mit ehemaligen Fürsorgezöglingen aus dem Landesfürsorgeheim Glückstadt" die Schicksale der ehemaligen Jugendlichen aufgegriffen und mit der Aufarbeitung der Akten und der Einsetzung eines Runden Tisches mit den Betroffenen ein wichtiges Zeichen ge-
setzt. Die SPD-Landtagsfraktion begrüßt dieses Vorgehen und regt an, diese Aktivitäten fortzusetzen und im Herbst einen Runden Tisch auch mit Mitgliedern des Petitionsausschusses des Bundestags einzuberufen. Denn das Kinderheim Glückstadt mit seiner ,,schwarzen Pädagogik" war kein Einzelfall; derartige Vorfälle hat es auch in anderen Bundesländern gegeben. Die Aufarbeitung in Schleswig-Holstein kann für diese Vorbild sein.
Das Handeln im Landesfürsorgeheim Glückstadt, das zum Ziel hatte, Jugendliche nicht aufzubauen, sondern zu brechen, kann heute nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Das Land sollte sich jedoch zu der politischen Verantwortung für die vollständige Aufarbeitung der damaligen Ereignisse bekennen.
Wir bedauern ausdrücklich, dass es zu diesen Schicksalen der ehemaligen Jugendlichen, die Misshandlungen, Demütigungen und Ausbeutung in dem damaligen Landesfürsorgeheim Glückstadt über sich ergehen lassen mussten, gekommen ist.
Herausgeber: Landeshaus
SPD-Landtagsfraktion Postfach 7121, 24171 Kiel
Tel: 0431/ 988-1305/1307 E-Mail: pressestelle@spd.ltsh.de
Verantwortlich:
Petra Bräutigam Fax: 0431/ 988-1308 Internet: www.spd.ltsh.de
Der Tagesspiegel
26.6.2008
Peter Wensierski
"Das Schweigen ist durchbrochen"
Der Journalist und Buchautor Peter Wensierski spricht mit dem Tagesspiegel über Heimkinder der 50er und 60er.
Sie sind für Ihr Buch Schläge im Namen des Herrn mit dem Medienpreis der Deutschen Kinder- und Jugendhilfe ausgezeichnet worden. Was hat Ihr Buch über das Schicksal der Heimkinder der 50er und 60er Jahre bewirkt?
Eins vor allem: Tausende von Menschen verstecken ihr schweres Lebensschicksal nicht mehr. Jahrzehntelang dachte jeder einzelne von ihnen, er müsse sich dafür schämen, als Kind in ein Heim gesteckt worden zu sein fast immer, ohne zu wissen, warum. Dieses Schweigen ist durchbrochen. Das hat das Buch bewirkt.
Was haben diese Kinder in den Heimen erlebt?
Sie waren meist einer Erziehung ausgesetzt, die diesen Namen nicht verdient und die ihr Leben bis heute negativ bestimmt. Es war eine schwarze Pädagogik voller Zucht- und Ordnungsvorstellungen mit verheerenden Folgen. Hunderttausende wurden in geschlossene Heime gesteckt. Es waren keine Kriminellen, sondern oft nur Kinder von alleinerziehenden Müttern, Kinder, die wegen Kleinigkeiten aufgefallen waren und nicht in die konservative Gesellschaft der 50er und 60er Jahre passten. Sie haben in den nicht kontrollierten Heimen drakonische Strafen erlitten, körperliche und psychische Gewalt, die manchmal an Folter grenzte. Es wurde ihnen Bildung und medizinische Versorgung vorenthalten, und oft auch die Briefe ihrer Eltern. Größere Kinder und Jugendliche mussten schwer arbeiten, es kam sehr häufig zu bis heute nicht geahndetem sexuellem Missbrauch. Aus Bequemlichkeit verabreichten Erzieher heimlich Medikamente. Fast alle Heimkinder berichten über Demütigungen und Erniedrigungen, mit denen ihnen immer wieder bedeutet wurde, dass sie nichts wert seien. Kurzum: Man hat die damaligen gesellschaftlichen Störenfriede einfach ausgegrenzt, weggesperrt und so ihrer Lebenschancen beraubt. Ich bin bei den Recherchen auf das vielleicht größte Unrecht an Kindern und Jugendlichen gestoßen, das im Westen und nicht im Osten Deutschlands passiert ist.
Der Verein der ehemaligen Heimkinder hat sich an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags gewandt. Was hat er erreicht?
Als ich an dem Buch gearbeitet habe, habe ich mich oft gewundert, wie ein derart dunkles Kapitel der jüngsten Geschichte einfach vergessen werden konnte. Das Schweigen der Heimkinder kam aber dem Schweigen der staatlichen und kirchlichen Träger dieser Einrichtungen entgegen. Das ist endlich beendet. Jetzt beschäftigen sich damit auch Wissenschaftler, Verbände und Heimträger, Universitäten, die Fachhochschulen, die Erzieher ausbilden. Der Petitionsausschuss hat die Betroffenen angehört, die Träger der Heime, Experten und Wissenschaftler. Sie haben die Geschichten der Heimkinder bestätigt. Das ist sehr wichtig, weil diese Menschen durch ihr Leben gegangen sind mit dem Gefühl, dass ihnen niemand glaubt. Sie brauchen aber immer noch praktische Hilfe. Im Herbst wird es wahrscheinlich zu einem bundesweiten runden Tisch kommen, an dem die Heimkinder, Vertreter der Heime und Politiker sitzen, um den Geschädigten zu helfen. Und ich freue ich mich über das große Interesse der jungen Leute, die Pädagogik studieren oder in der Jugendhilfe arbeiten.
Wie verhalten sich die kirchlichen Träger zu ihrer Verantwortung?
Weniger zufriedenstellend. Es gab zwar Worte des Verständnisses, aber noch keine wirkliche Bitte um Entschuldigung. Das aber wäre für die Opfer sehr wichtig, gäbe ihnen ein Stück der verlorenen Ehre wieder zurück. Es gibt den Vorschlag, eine bundesweite Stiftung zu gründen, kirchlich und staatlich finanziert, um diese Zeit aufzuarbeiten und Menschen konkret zu helfen. Die Kirchen, vor allem die katholischen Orden, haben in dieser Zeit die Heimerziehung mit ihren Vorstellungen entscheidend geprägt. Uneheliche Kinder etwa galten damals als Kinder der Sünde, als wertlose Geschöpfe. Da könnte man als Kirche lauter und deutlicher selbstkritisch drauf eingehen.
Muss die Bitte um Entschuldigung nicht auch vom Bundestag kommen?
Ja, denn die Richter und Jugendämter haben die Kinder leichtfertig eingewiesen und die Häuser schlecht kontrolliert. Der Bundestag sollte unbedingt darüber diskutieren, nicht nur wegen der Vergangenheit. Die Zahl der Kinder und Familien mit großen Problemen nimmt ja zu und wir sollten aus den Fehlern dieser Zeit lernen, um sie nicht zu wiederholen. Wenn wir heute wieder die Gelder für die Kinder- und Jugendhilfe kürzen, die Erzieher schlecht ausbilden und Kinder nicht achten, die Jugendämter wie am Fließband nur Akten und Fälle kennen, aber nicht die Menschen sehen, dann wird das später auf die Menschen und schon bald mit doppelten Kosten auf die Gesellschaft zurückfallen.
Das Gespräch führte Tissy Bruns.
Peter Wensierski ist Journalist und Buchautor. Seit 1993 gehört der 1954 geborene Wensierski dem Deutschland-Ressort des Nachrichtenmagazins Der Spiegel an.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 26.06.2008)
READERS EDITION
22.06.2008
Kinder- und Jugendhilfetag in Essen: Offener Brief an Bischof Huber
Artikel von Heinz-Peter Tjaden vom 22.06.2008, 20:23 Uhr im Ressort Vermischtes | No Comments
Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Huber, ehrlich gesagt: Ich habe schon lange nicht mehr in die Bibel geschaut, aber bei der Ausgabe, die sich in meinem Bücherschrank befindet, dürfte es sich um eine längst überholte Übersetzung handeln.
Deshalb bitte ich Sie, mir sozusagen auf die biblischen Sprünge zu helfen. In meinem Gedächtnis haftet ein Satz von Jesus. Er lautet: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Erinnere ich mich richtig? Oder hat sich inzwischen herausgestellt, dass Jesus statt dessen gesagt hat: Kommt bloß nicht zu mir, wenn ihr Sorgen habt. Ich kann euch nicht helfen?
Ich kann auch anders?
Warum ich diese Frage stelle? Sehr geehrter Herr Bischof, Sie sind Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, salopp könnte man sagen: Sie sind der oberste Lutheraner. Wenn ich an Luther denke, fällt mir der Satz ein: Ich stehe hier, ich kann nicht anders. Auch das scheint sich geändert zu haben.
Wie ich auf all das komme, was in Ihren Ohren wohl wie blanker Unsinn klingen mag? Deswegen: In Essen fand Ende dieser Woche der [1] 13. Kinder- und Jugendhilfetag statt. Dort treffen sich Frauen und Männer, die sich mit den Rechten von Kindern beschäftigen. Das ist ein wichtiges Thema. Dafür interessieren sich auch Menschen, die ihre Kindheit in kirchlichen Heimen verbracht haben und als Erwachsene immer noch darauf warten, dass man ihnen endlich erklärt, warum sie in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren misshandelt, gedemütigt und missbraucht worden sind.
Heimkinder kommen nicht rein
Zwei dieser ehemaligen Heimkinder sind nach Essen gefahren, sie benötigten Gehhilfen für den beschwerlichen Weg und erreichten den Osteingang der Halle. Sie hatten Handzettel mit einem Artikel dabei, in dem sich der Caritas-Präsident Peter Neher öffentlich bei den Opfern kirchlicher Heimerziehung entschuldigte, an ihren Gehhilfen hatten sie Hinweise angebracht, damit jeder sofort wusste: Wir sind ehemalige Heimkinder.
Dennoch stellten sich Sicherheitsleute dieser Frau und diesem Mann in den Weg. Sie sollten die Halle nicht betreten, später wurden sie sogar des Geländes verwiesen. Das sorgte für Aufsehen, Mitarbeiter des Essener Jugendamtes versorgten die beiden ehemaligen Heimkinder mit Obst und Gebäck und versicherten, dass dieser Vorfall noch Folgen haben werde. Anwesend war auch ein Fernsehsender.
Veranstalter informiert
Ich habe den Veranstalter des 13. Kinder- und Jugendhilfetages sofort über die Erlebnisse der beiden ehemaligen Heimkinder informiert, die für viele schon lange keine Unbekannten mehr sind. [2] Fernsehsender und Zeitungen berichteten über ihr Schicksal, auch heute noch ist von ihnen zu hören: Wir glauben, dass man uns helfen wird. Dass sie diese Hoffnung noch haben, finde ich bewundernswert, denn bei Demonstrationen machen sie bislang die Erfahrung, dass sich die Verantwortlichen vor einem Gespräch drücken.
Sie, sehr geehrter Herr Bischof Huber, haben ein Grußwort zum 13. Kinder- und Jugendhilfetag geschrieben, vor Wochen haben mir die Organisatoren mitgeteilt, dass es in Essen auch um das Schicksal ehemaliger Heimkinder gehen werde. Für die Betroffenen aber gilt Wolfgang Borchert:[3] Draußen vor der Tür?
Als Redakteur beschäftige ich mich seit einigen Monaten mit diesem Thema, der [4] Caritas-Präsident Peter Neher, der auch in Essen weilen soll, antwortete mir erst über die Pressesprecherin dieser Organisation, als ich ihm ein Einschreiben per Rückschein geschickt hatte. Auf die konkreten Anliegen ehemaliger Heimkinder ging sie jedoch nicht ein.
Sehr geehrter Herr Bischof Huber, verstehen Sie nun, warum für mich der Verdacht nahe liegt, dass meine Bibel ziemlich verstaubt sein muss?
Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2008/06/22/kinder-und-jugendhilfetag-in-essen-offener-brief-an-bischof-huber/
Links im Artikel:
[1] 13. Kinder- und Jugendhilfetag: http://www.jugendhilfetag.de/djht08/pages/startseite.php
[2] Fernsehsender: http://www.hermine-schneider.de
[3] Draußen vor der Tür?: http://www.lerntippsammlung.de/Drau-ss-en-vor-der-T-ue-r-_-Wolfgang-Borchert.html
[4] Caritas-Präsident Peter Neher: http://www.readers-edition.de/2008/06/16/nach-einschreiben-per-rueckschein-caritas-pressesprecherin-beantworteweitere-fragen
Berliner Umschau
13. Juni 2008
Entschuldigung für jahrzehntelanges Leid
Kanadas Ministerpräsident bittet Ureinwohner um Verzeihung
Von Adrienne Bilitza
In einer emotionalen Rede im Parlament sprach Kanadas Premier Stephen Harper gestern endlich aus, worauf die Ureinwohner Kanadas so lange warten mussten: Die Entschuldigung für ein rassistisches Verbrechen, unter dem ungezählte Familien der 1,3 Millionen Ureinwohner des Landes bis heute leiden. Jahrzehntelang waren die Ureinwohner Kanadas im Zuge ihrer Assimilierung misshandelt worden. Harper bat nun offiziell um Verzeihung und folgte so dem Beispiel Australiens, wo sich im vergangenen Februar nach langen Jahren für die Diskriminierung der Aborigines entschuldigt wurde.
15 Minuten dauerte Harpers Rede, während der er zeitweise mit den Tränen ringen musste. Vor 11 Überlebenden des Umerziehungssystems, mit dem Kanada jahrzehntelang die aggressive Assimilierung seiner Ureinwohner vorantreiben wollte, erklärte er im Namen der Regierung und aller Kanadier, das Geschehene sei ein trauriger Abschnitt in der kanadischen Geschichte. Die Regierung von Kanada entschuldigt sich aufrichtig und bittet die Ureinwohner um Vergebung dafür, dass dieses Land sie so sehr im Stich gelassen hat. Es tut uns leid, so der Ministerpräsident.
Seit 1870 waren in Kanada Kinder der Ureinwohner ihrer Eltern beraubt und zwangsassimiliert worden, indem man sie in meist kirchlich geführte Internate steckte. Vielfach war es dort zu Misshandlungen und sexuellem Missbrauch gekommen, die Kinder waren körperlicher Gewalt und psychischer Erniedrigung hilflos ausgesetzt. Viele ehemalige Schüler berichteten, sie seien geschlagen worden, wenn sie in ihrer Muttersprache redeten, dass sie häufig unter Hunger leiden mussten und mit der Zeit den Kontakt zu ihren Eltern und ihrer Kultur vollkommen verloren. Die letzte Erziehungsanstalt dieser Art war erst 1996 geschlossen worden.
Es sei falsch gewesen, die Kinder der Ureinwohner aus ihren Familien und Gemeinschaften zu reißen, um sie in speziellen Internaten ihrer Kultur, Sprache und Traditionen zu berauben, erklärte Harper. Heute sehe man, dass man durch die zwangsweise Trennung von den Eltern die Fähigkeit vieler Internatskinder, selbst einmal die Elternrolle zu übernehmen, beeinträchtigt habe. Damit habe man auch nachfolgenden Generationen Schaden zugefügt.
Unter den geladenen Gästen befand sich auch die 104 jährige Marguerite Wabano, die älteste Überlebende der Betroffenen. Insgesamt erfuhren 150.000 Kinder ihre Erziehung in den kirchlichen Heimen, deren Sinn und Zweck es war, den Indianer im Kind zu töten, wie es einer der Anwesenden formulierte. Ungefähr 90.000 von ihnen leben heute noch.
Bisher hat die kanadische Regierung in Ottawa Entschädigungszahlungen in Höhe von 2 Milliarden Dollar (1,26 Milliarden Euro) für alle zwangseingeschulten ehemaligen Schüler und deren Nachfahren bereitgestellt, nachdem der Oberste Gerichtshof des Landes 2005 entschieden hatte, dass Staat und Kirchen für die psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen der Betroffenen verantwortlich gewesen waren. An die Opfer physischer und sexueller Gewalt soll eine zusätzliche Entschädigung gezahlt werden. Zudem wurde eine Wahrheits- und Versöhnungskommission zusammengestellt, welche die damaligen Vorkommnisse prüfen und Aussagen der noch lebenden Betroffenen anhören soll.
Einen ersten kleinen Schritt in die Richtung des Eingeständnisses der Verbrechen hatte 1998 die damalige Ministerin für indianische Angelegenheiten, Jane Stewart, gemacht, indem sie ihr Bedauern für die Einrichtung der Internate ausgesprochen hatte. Eine Entschuldigung für das zugefügte Leid hatte sie jedoch nicht geäussert.
Ministerpräsident Harper folgte mit seiner Verzeihungsrede dem Beispiel seines australischen Amtskollegen Kevin Rudd, welcher sich im vergangenen Februar bei Australiens Ureinwohnern,denen ähnliches Leid zugefügt worden war, entschuldigt hatte. Auch hier war es bis in die 70er Jahre die Regel gewesen, Eltern ihrer Kinder zu berauben, um in staatlichen Heimen ihre Assimilation an die europäisch geprägte Gesellschaft zu forcieren.
Im Gegensatz zu den kanadischen Ureinwohnern hatten die Aborigines jedoch keine finanzielle Entschädigung für die Verbrechen an ihrem Volk erhalten.
Veröffentlicht: 13. Juni 2008
Focus-online
11.06.08
Kanada
Entschuldigung bei Indianern
Jahrzehntelang wurden Ureinwohner in Kanada misshandelt. Seinem australischen Kollegen folgend, bat Premierminister Harper die Opfer nun um Verzeihung.
Kanadas Premier Harper im Abgeordnetenhaus
Es sei falsch gewesen, die Kinder der Ureinwohner aus ihren Familien und Gemeinschaften zu reißen, um sie in speziellen Internaten ihrer Kultur, Sprache und Traditionen zu berauben, sagte Stephen Harper am Mittwoch vor dem Parlament in Ottawa. Die zwangsweise Unterbringung der Kinder in den Heimen habe auch Misshandlungen ermöglicht. Er sprach von einem traurigen Kapitel in der Geschichte des Landes und entschuldigte sich bei den Opfern.
Heute sehen wir, dass die Politik der Assimilierung falsch war, großes Leid verursachte und keinen Platz in unserem Land hat, sagte Harper in Anwesenheit von Vertretern der Ureinwohner. Die Auswirkungen seien absolut negativ gewesen und hätten der Kultur, dem Erbe und der Sprache der Ureinwohner nachhaltigen Schaden zugefügt. Im Namen der kanadischen Regierung und aller Kanadier stehe ich vor euch (..), um mich für die Rolle der kanadischen Regierung in dem Indianer-Internats-System zu entschuldigen, sagte Harper.
Misshandlungen und sexueller Missbrauch
Heute sehe man, dass man durch die zwangsweise Trennung von den Eltern die Fähigkeit vieler Internatskinder, selbst einmal die Elternrolle zu übernehmen, beeinträchtigt habe. Damit habe man auch nachfolgenden Generationen Schaden zugefügt. Viel zu oft hätten diese Institutionen auch zu Missbrauch und Verwahrlosung geführt, so Harper.
Von 1870 bis in die 1970er-Jahre hinein waren in Kanada Kinder der Ureinwohner in zumeist kirchlich geführten Heimen zwangsassimiliert worden. Vielfach kam es zu Misshandlungen und sexuellem Missbrauch. Von den rund 150 000 Kindern, die diese staatlich geförderten Schulen durchlaufen haben, leben heute noch rund 80 000. 2006 hatte die Regierung in Ottawa bereits Entschädigungszahlungen an die Opfer für die dabei erlittenen physischen, psychischen und sexuellen Misshandlungen in Höhe von knapp zwei Milliarden Dollar (1,26 Milliarden Euro) bewilligt.
In Kanada leben rund 1,3 Millionen Ureinwohner, insgesamt gibt es 33 Millionen Kanadier. Die wirtschaftliche Lage der Ureinwohner ist deutlich schlechter als beim Durchschnitt der kanadischen Bevölkerung und die Selbstmordrate besonders hoch.
Im Februar hatte sich die australische Regierung für ähnliche Misshandlungen, die dort an den Kindern der Aborigines begangen wurden, offiziell entschuldigt. Einen Entschädigungsfonds für die Ureinwohner schloss Regierungschef Kevin Rudd jedoch aus. Die Betroffenen können aber dennoch vor Gericht ziehen: Im August 2007 wurden einem Aborigine, der 1958 seiner Familie als Baby entrissen worden war, Entschädigungszahlungen in Höhe von umgerechnet 306 000 Euro zugesprochen.
3. Juni 2008
SHZ.de
NORDDEUTSCHE RUNDSCHAU
ZDF-Dokumentation über Fürsorgeheim
SHZ.de -
URL: http://www.shz.de/
27. Mai 2008
SCHLESWIG-HOLSTEIN
Gefangen im Namen der Fürsorge
Von Christine Reimers
Die Aufklärung dauert ihnen zu lange. Die ehemaligen Kinder aus dem berüchtigten Glückstädter Landesfürsorgeheim wollen endlich Gerechtigkeit. Immer neue Fälle werden bekannt.
Beschuldigt das Ministerium, nicht schnell genug für Aufklärung zu sorgen: Otto Behnck vor einer Gedenktafel am neuen Gebäude, die daran erinnert, dass sich dort einmal ein KZ befand. Foto/Repro: Reimers
Harry R. wurde nur 17 Jahre alt. Im Mai 1969 hat er sich aufgehängt. Der junge Lübecker war damals im Landesfürsorgeheim in Glückstadt (Kreis Steinburg) untergebracht. Drei Wochen vorher gab es in dem Heim eine Revolte. Die jungen Leute im Alter zwischen 14 und 21 Jahren wollten auf die Missstände im Heim aufmerksam machen. Voller Wut zertrümmerten sie in den Abendstunden die Inneneinrichtung. Dementiert wurde damals von offizieller Seite, dass der Selbstmord des Insassen in Zusammenhang mit dem Aufruhr stand. Gestorben ist Harry R. in Isolationshaft - in einer Zelle im Keller, die aus der Nazizeit stammte, als das Haus ein Konzentrationslager war.
Es gibt viele Fragen zu dem damals noch einzigen geschlossenen Heim in Deutschland, welches 1974 auf politischen Druck geschlossen wurde. Ehemalige Heimkinder fordern, dass die Fragen aufgearbeitet werden. Sie fürchten aber, dass das Land sich jetzt aus der Verantwortung zieht.
Stiftung zur Finanzierung der Ermittlungen gesucht
Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) versprach schon nach der Berichterstattung 2007 in unserer Zeitung Aufklärung. Im Januar dieses Jahres lud sie erneut zum Runden Tisch ein. Die Leiden der Heimopfer sollten aufgearbeitet werden. 7000 Akten des Landesfürsorgeheims lagern im Landesarchiv. Aus ersten Recherchen dort und dem Protokoll des Runden Tisches erstellt der Pädagogik-Professor Christian Schrapper von der Universität Koblenz derzeit eine Dokumentation. Das teilt Ministeriumssprecher Christian Kohl mit. "Darüber hinaus möchte Professor Schrapper mit Unterstützung des Sozialministeriums eine weitergehende wissenschaftliche Aufarbeitung durchführen", sagt Kohl. Zur Mitfinanzierung solle eine Stiftung gewonnen werden.
Eine bekannte Stiftung habe die Finanzierung schon abgelehnt, sagt Otto Behnck (56). Der Sprecher der ehemaligen Heimkinder und -jugendlichen fordert: "Das Land muss die Finanzierung der wissenschaftlichen Aufarbeitung übernehmen. Wir wollen eine rückhaltlose Aufklärung. Die Dokumentation ist zu wenig."
"Es gibt kein schlimmeres Heim in Deutschland"
Selbstmorde sind ein Thema, die psychischen Folgen ein anderes. "Es gab kein schlimmeres Heim in Deutschland", sagt Behnck. Die Jugendlichen waren wie in einem Gefängnis weggesperrt. Anstaltskleidung war vorgeschrieben - einheitliche, blau-weiß gestreifte, durchgehend geknöpfte Hemden, dazu passende Arbeitsanzüge aus hartem Leinen und Holzlatschen. Sechs Tage die Woche mussten die "Zöglinge" arbeiten. Unter anderem knüpften sie auf einem Dachboden des Hauses Fischernetze. Für 1000 Knoten gab es als Extraration eine Zigarette. Bekannt ist auch, dass Jugendliche für eine Glückstädter Firma Jauchegruben ausheben mussten.
Immer wieder flüchteten Jugendliche aus dem Heim - so wie 1966 der damals 17-jährige Ferdinand E. Als er über einen Acker rannte, streckte ihn die Kugel eines damals 24-jährigen Jägers und Landwirts nieder. Er tötete E. mit einem Schuss in die Brust - und sagte damals aus, dass er von dem jungen Mann bedroht worden sei. Ein Gerichtsprozess endete mit dem Urteil "Notwehr". Heute will sich der Bauer nicht mehr dazu äußern.
"Wir waren ausgeliefert, wurden gedemütigt"
Behnck will diesen Fall wieder aufrollen. Er stellt auch die Frage, was aus dem Geld geworden ist, das die Firmen zahlten. "Wir haben keinen Lohn bekommen. Auch haben wir für diese Zeit keine Rentenansprüche."
Er selbst war auf Betreiben seiner Eltern drei Monate im Landesfürsorgeheim. Seine Eltern waren es auch, die ihn nach einem Besuch dort wieder vom Jugendamt herausholen ließen. Andere hatten nicht so viel Glück, sie blieben weitaus länger. "Wir wollen deutlich machen, wie es zugegangen ist. Wir waren ausgeliefert, wir wurden gedemütigt. Wir haben uns erbärmlich gefühlt."
Seelsorger: "Einigen ist das Heim gut bekommen"
Über die Frage der Entlohnung kann das Sozialministerium keine Auskunft geben. "Aussagekräftige Daten darüber sind im Moment nicht bekannt", sagt Pressesprecher Kohl. Zum Thema Selbstmorde erklärt er: "Um solchen Fragen nachzugehen, ist ein tieferes Einsteigen in die Geschichte nötig, auch deshalb hat das Sozialministerium die Aufarbeitung und Archivierung der Akten im Landesarchiv veranlasst. Die Häufigkeit von Selbstmorden oder der Umgang mit Selbstmördern können noch nicht eingeschätzt werden."
Ein Seelsorger, der damals im Heim tätig war, hat eine andere Sichtweise als die Heimzöglinge: "Einzelnen ist das Heim gut bekommen. Es tat mir damals leid, dass es geschlossen wurde." Ein absoluter Verschluss der jungen Männer sei notwendig gewesen. "Weil sie es nötig hatten." Er war auch für die Abteilung der jungen Frauen zuständig. "Sie waren nicht so gefängnismäßig unter gebracht wie die Jungen", erinnert er sich. Insgesamt habe er aber von beiden Abteilungen einen guten Eindruck gehabt. Nur als der neue Leiter des Fürsorgeheimes kam und "neue Methoden" einführte, sei es unruhiger geworden. "Er wollte mit den Jungen zum Beispiel gemeinsam laufen gehen." Aber das hätte zur Folge haben können, dass die jungen Leute weggelaufen wären.
Leserkommentare
HEINRICH THOMSEN
27.05.2008 10:58
Landeserziehungsheim
In den späten 60ern gehörte es noch zum Alltag in Glückstadt, dass entlaufene Jugendliche durch die Stadt gejagt wurden.
Eine häufig zu verrichtende Arbeit für die Jugendlichen war das Ausschaufeln der Klärbecken zur Betriebswassergewinnung bei der Temming AG.
Sie standen tief im stinkenden Klärschlamm und schaufelten.
Dieses Bild hat sich mir eingeprägt.
Der Begriff "Heim" war sicher ein Euphemismus - es war eine Jugendstrafanstalt und nach meinem Wissen war die Zusammensetzung der "Insassen" sehr gemischt -Gewalttäter und "schwierige Jugendliche" recht zufällig gemischt.
Sicher wird es Zeitzeugen geben und jede Menge Dokumente.
Man kann auch durch eine sehr langwierige, kostspielige wissenschaftliche Studie
sicher sehr viele solide Informationen gewinnen. Eine solche Studie birgt aber auch die Gefahr, der "Beerdigung eines Themas auf wissenschaftlichem Niveau".
Verständlich, dass ehemalige "Insassen" in der Regel heute schweigen.
es sollte aber wohl möglich sein, auch mit begrenzten Mitteln schnell eine seriöse Aufklärungs- und Forschungsarbeit zu dieser Einrichtung zu starten.
Ich verweise ungern in diesem Zusammenhang auf Ausgaben, die recht problemlos für Gutachten aller Art im Land und in den Kommunen getätigt werden.
© SHZ.de 2008
Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag GmbH & Co. KG
RP ONLINE
24.04.2008
www.rp-online.de/public/article/solingen/559776/Tore-die-geschlossen-bleiben.html
Solingen
Tore, die geschlossen bleiben
VON MARTIN OBERPRILLER
Heute haben Einrichtungen wie der Halfeshof moderne Konzepte. Das war früher anders. Der Landschaftsverband lässt über die Geschichte seiner Heime forschen, die auch die Geschichte von Paul Budau und seines Vaters ist.
Das stählerne Tor zum Solinger Halfeshof fiel scheppernd hinter dem kleinen Jungen ins Schloss und in diesem Moment, der so schrecklich lange zu dauern schien, kam es Paul Bludau fast so vor, als würde er noch einmal die Stimme des Vaters hören. Der hatte 20 Jahre zuvor selbst in einem Kinderheim gesessen, und immer dann, wenn Sohn Paul, eines von zwölf Kindern, ihn mal wieder nervte, waren dem Vater die Geschichten von den großen, kräftigen Männern eingefallen, vor denen es angeblich kein Entkommen gab, wenn man ihnen erst mal in die Hände gefallen war. Jetzt jedenfalls war es so weit: Paul würde von nun an den Kerlen hinter dem Stahltor hilf- und schutzlos ausgeliefert sein und ob sie ihn jemals wieder los lassen würden, wer konnte das schon sagen!?
Seit diesem schrecklichen Tag im Jahr 1981, als Paul Bludau ins Kinderheim Halfeshof kam, sind inzwischen 27 Jahre ins Land gezogen. Das große Tor gibt es schon lange nicht mehr, und die gefürchteten Pfleger, vor denen der damals Elfjährige diese riesen Panik hatte, erwiesen sich schließlich auch noch als ganz fähige Erzieher. Meine Gefühle sind gespalten, wenn ich an meine Zeit im Halfeshof denke, erinnert sich Bludau, der immerhin sieben Jahre, bis 1988, dort lebte. Heute ist er gelernter Altenpfleger, hat fünf Kinder, engagiert sich im Elternverband Bergisches Land für Familien und ob das alles so ohne den Halfeshof gekommen wäre, da hegt Bludau schon Zweifel.
Abgeschottete Welt
Denn immerhin herrschten in dem Heim für Schwererziehbare, wie der Halfeshof in den 80er-Jahren noch genannt wurde, schon längst nicht mehr die Zustände, die Paul Budaus Vater Jahrzehnte zuvor in einer anderen Einrichtung durchlitten hatte. Nach dem Krieg waren die Heime noch eine sehr abgeschottete Welt, berichtet Wolgang Beicht, der den Halfeshof seit 1987 leitet. Und in dieser Welt herrschte ein strenges Regiment. Die Kinder, die fast alle aus ganz schwierigen familiären Verhältnissen kamen, mussten zum Beispiel in der heimeigenen Landwirtschaft hart schuften. Pädagogische Konzepte, heute selbstverständlich, kannte damals kein Mensch.
Diese Geschichte der Heime und ihrer Zöglinge will der Landschaftsverband Rheinland als Träger von Historikern aufarbeiten lassen (wir berichteten). Eine sechsstellige Summe steht zur Verfügung. Es melden sich immer mehr Ehemalige zu Wort, erklärt Halfeshof-Leiter Beicht, dessen Einrichtung heute oft Jugendliche vor dem völligen Abrutschen bewahrt. In unserer Haft-Vermeidungsgruppe arbeiten wir eng mit der Justiz zusammen, fährt Beicht fort, der auch weiß, dass der Halfeshof eine Familie nie ersetzen kann. Und an diesem Punkt spalten sich die Gefühle, wenn Paul Budau an die Halfeshof-Zeit zurückdenkt: Bis heute habe ich Schwierigkeiten, mit einem Partner zusammenzuleben. Einige Tore öffnen sich eben nie wieder.
© RP ONLINE GmbH 1995 - 2008
Torf stechen: Schwerstarbeit für "Heimzöglinge"
Zwangsarbeit für die Kirche?
Heimkinder fordern Entschädigung
von Karsten Deventer und Eva Schmitz-Gümbel
Bete und arbeite - noch bis in die 70er Jahre hinein sah so der Alltag vieler Kinder und Jugendlicher in kirchlichen Erziehungsheimen aus. Erst vor kurzem haben Heimkinder ihr jahrzehntelanges Schweigen gebrochen und fordern jetzt Entschädigung für eine leidvolle Kindheit.
Als Heimkind musste Rosenkötter hart arbeiten.
Wolfgang Rosenkötter ist 16 Jahre alt, als er 1961 in ein Heim der Evangelischen Diakonie Bethel im niedersächsischen Freistatt eingewiesen wird. Das Scheidungskind bekommt schnell die ganze Härte des Anstaltsalltags zu spüren. Um 7.00 Uhr: Antreten zum Appell, danach geht es zum Arbeiten ins Moor - Torf stechen. Die Heimkinder von Freistatt verrichten täglich Schwerstarbeit: "Wir mussten praktisch ständig in gebückter Haltung arbeiten", erinnert sich Rosenkötter. Immer wieder wären sie aufgefordert worden, schnell zu arbeiten. Oft seien sie auch geschlagen worden.
Lohn gibt es für die harte Arbeit nicht; dafür Strafmaßnahmen für diejenigen, die nach Ansicht der Erzieher nicht spuren. "Im Tagesraum stand ein großer Billardtisch", berichtet Rosenkötter. "Dann musste man im Entengang um diesen Billardtisch herumlaufen, bis man umgekippt ist. Wenn man hochkam, weil man nicht mehr konnte, dann kriegte man mit dem Billardstock eins über den Rücken." Mehrere Male habe sein Rücken geblutet. Auch an tagelange Isolation in so genannten Besinnungszellen könne er sich erinnern. Hilflos ist Wolfgang der Willkür seiner "Erzieher" ausgeliefert. Eine staatliche Kontrolle gibt es nicht.
"Bedauerliche Einzelfälle"
Etwa 3000 Heime gab es in Deutschland zwischen 1950 und 1970, 80 Prozent davon in kirchlicher Hand. Insgesamt wurden dort etwa eine Million Kinder und Jugendliche erzogen. Was jedoch hinter den Mauern vieler Einrichtungen geschah, gelangt bis heute nur vereinzelt an die Öffentlichkeit. Doch immer mehr Betroffene brechen, wie Wolfgang Rosenkötter, ihr Schweigen und fordern eine Wiedergutmachung von Seiten der Kirche. So ist es Rosenkötter wichtig, dass "die Tr&au