Rosa von Melsungen

DIE BESCHNEIDUNG

Eine Heimatgeschichte aus Melsungen

für Oliver

© Rosa von Melsungen - 2002


Kapitel l


Melsungen ist eine kleine Fachwerkstadt in Hessen mit vielen roten Geranien vor den Fenstern - das Rathaus ist berühmt für seinen Bartenwetzer.
Zu bestimmten Zeiten kommt ein buntes Männchen aus der Turmuhr, und wetzt einen Moment lang seine Axt an einem Stein, dann stehen bei schönem Wetter die Sommerfrischler, mit nach hinten gelegtem Kopf staunend vor dem schönen Amtssitz. In den alten Häusern um den Rathausplatz gibt es kleine Kneipen, in denen man gemütlich essen und trinken kann. In einem dieser Lokale, gleich hinter dem alten Brunnen, musste die zwölfjährige Eva nach der Schule Fenster putzen und in viel zu heißem Wasser Besteck spülen. Sie verbrannte sich die Hände, doch die Wirtin sprach von Hygiene und schüttete noch ein bisschen kochendes Wasser nach. Es vergingen einige Monate, bis das Amt ihrer Mutter erzählte, dass Kinderarbeit verboten sei, auch wenn sie das Geld brauchte.
Martha, Evas Mutter, war in jeder Beziehung am Ende, seit sie in einer Nacht und Nebel Aktion mit ihren drei Kindern vor ihrem Junkymann geflüchtet war. Dass dieses Schwein, Hurenbock und Rindvieh auch der Vater ihrer Kinder war, interessierte sie nur insoweit, dass sie jetzt seine Brut Großkriegen musste. Eine Last, die sie sich aus Unkenntnis über Schwangerschaftsverhütung aufgebürdet hatte.
Sie wollte diesen Mann nie heiraten, er war bei ihr einquartiert worden. Siebenvierzig, nach dem Krieg, als die Männer aus der Gefangenschaft zurück kamen und wenig Wohnraum zur Verfügung stand.
Gustav, ihr erster Ehemann, ein arischer Mann aus „anständiger Familie“ war im Krieg bei Stalingrad „gefallen“. Den würde sie auch ohne Arme und Beine wieder nehmen, wenn er zurückkäme. So erzählte sie es ihren Kindern. Das Baby, das sie von ihm hatte, war an Diphtherie gestorben. Ihr erster Sohn, den sie durch Vergewaltigung bekam, schickte sie mit fünfzehn in eine Webfabrik zum arbeiten. Mit dem Kopf war er in eine Webmaschine geraten und zu Tode gequetscht worden.
Sie hatte eine große Wohnung und das Amt wies den Spätheimkehrer Otto bei ihr ein. Sie hatte plötzlich einen ihr fremden Mann in der Wohnung, gegen den sie sich nicht wehren konnte. Otto war das recht so. Er hatte gelernt sich zu nehmen was er haben wollte, da gab es kein Pardon. Er war jetzt sechsundvierzig und sein Leben lang unterwegs gewesen. Unter anderem hatte er fünfzehn Jahre in der französischen Fremdenlegion zugebracht. Von dort hatte er seine Drogensucht und emotionale Kälte mitgenommen. Er hatte schöne, rote Haare und kalte hellblaue Augen. Wenn er betrunken oder high war, konnte er sehr charmant sein. Er machte Martha ein Kind, damit sie ihm nicht mehr weglaufen konnte, denn er fand es an der Zeit, sich zur Ruhe zu setzen. Dafür brauchte er schließlich eine Frau.
In Asien und andren Weltgegenden, in denen er sich aufgehalten hatte, konnte Mann für ein Trinkgeld weibliche Dienstboten kaufen, für sexuelle Gefälligkeiten zahlte er gerne einen kleinen Aufpreis.
Für eventuelle Schwangerschaften der Frauen fühlte er sich nicht zuständig.
Allerdings erzählte er manchmal, nicht ohne einen gewissen Stolz, Europäer und Asiatinnen machten die schönsten Kinder. Für ihn war alles Mittel zum Zweck und, wie er stets betonte, glaubte er nur das, was er sehen und anfassen konnte.
Mit Martha ging er zu dem schönen Rathaus. Sie wurden ein Ehepaar. Er fand auch eine größere gemeinsame Wohnung außerhalb der Stadt.
Das neue Haus hieß Rosenhöhe. Um neunzehnhundert gebaut, stand es stolz und allein nahe am Fluss. Es gab einen großen Garten und viele Obstbäume, dort brachte Martha am Weihnachtsmorgen achtundvierzig Eva zur Welt.
Als sie anderthalb Jahre später wieder schwanger war, wollte sie sich in der Fulda ertränken, doch sie be¬kam eine weitere Tochter, Rosa.
Sie versuchte sich Otto sexuell zu verweigern, worauf er sie verprügelte und vergewaltigte. Einmal legte er sich Martha übers Knie, während seine kleinen Töchter zuschauten, und schlug auf ihr Hinterteil mit einem großen Holzlöffel. Oft stand er mit nacktem Hintern und steifem Glied im Zimmer seiner Töchter, weil Martha sich sexuell verweigerte.
Otto und Martha begannen einander zu hassen. Eva hasste Rosa. Seit die da war, wurde sie nur noch selten beachtet und wenn, dann auf unwirsche und ärgerliche Weise. Sie begann sich viel Mühe zu geben, um die Aufmerksamkeit von Martha zu gewinnen. Doch die wurde immer ärgerlicher, je mehr Mühe sie sich gab.
Eva war ein kleiner Kobold. Eines Morgens zog Martha sie an und schickte sie zum Spielen in den Garten. Sie begann ihre Hausarbeit. Stellte sich einen Putzeimer in die Küche und begann mit Besen und Schrubber zu hantieren.
Eva beobachtete Martha aus einem Versteck hinter der Tür, wartete bis sie ihr den Rücken zuwandte, um dann quietschvergnügt in das warme Putzwasser zu klettern. Schimpfend hob Martha sie aus dem Eimer, zog ihr trockene Sachen an und schickte sie wieder nach draußen zum spielen. Eva wollte aber mit Martha spielen, deshalb versteckte sie sich wieder hinter der Tür, um dann im richtigen Moment, voller Freude an dem Spiel wieder in den Eimer zu steigen, Martha rastete völlig aus, zog Eva die nassen Hosen runter, verprügelte ihren nackten Hintern und steckte sie ins Bett. Eva schrie, sie schrie immer weiter, bis Martha mit der kleinen Rosa auf dem Arm, ins Zimmer kam und zurück schrie.
Mit zweiundvierzig Jahren wurde Martha erneut schwanger, da war Eva fünf. Voller Panik versuchte sie einen Arzt zu finden, der ihr half - umsonst. Abtreibung war kriminalisiert. Sie kannte niemanden. Außerdem hatte sie kein Geld. So kam ein kleiner Junge zur Welt, den sie Willi nannten.
Martha verwandelte sich in einen zähnefletschenden Kettenhund. Zwischen ihr und Otto war Krieg. Otto verschwand für Wochen in der Frankfurter Kneipenwelt. Martha ließ ihren Hass an Eva aus.
Ihr Vater drosch mit einer Reitpeitsche auf Eva ein. Wegen der Striemen und Wunden musste sie in der Schule lange Strumpfhosen tragen und wehe sie würde etwas erzählen.

Kapitel 2

Eva hatte schnell verstanden, dass sie Martha besser aus dem Weg ging. Sie versuchte sich Otto zuzuwenden, wenigstens machte er manchmal Späße und lachte mit ihr. Dafür liebte sie ihn. Sie wartete oft sehnsüchtig auf seine Heimkehr. Meistens hatte er ab wichtigeres zu tun oder wollte seine Ruhe haben, außerdem vergaß er die Versprechen, die er Eva machte, wenn er betrunken war.
Eva wurde als vierjährige als „untragbar“ für die Gruppe aus dem Kindergarten rausgeschmissen.
Sie war am liebsten draußen, am Fluss, oder auf der Hochzeitswiese, wie sie das hügelige Wäldchen nannten, wo man im Winter Schlitten fahren konnte. Da war sie eins mit den Bäumen und Hühnern. Sie hatte Angst nach Hause zu gehen, weil sie nie sicher sein konnte wie Martha auf ihren Anblick reagierte.
Oft musste sie sich ihre endlosen Monologe anhören, über die Schlechtigkeit der Welt und die der Männer im besonderen. Eva verwirrte das alles und ihr wurde schlecht davon. Wenn Otto da war, was immer seltener vorkam, stritten sie sich und Eva versteckte sich in der dunklen Schuhkammer. Da war es still und roch nach Schuhcreme und Leder, nicht so eklig wie in der Küche nach Windeln, Schweiß und Graupensuppe -Marthas Lieblingsessen- was Eva verabscheute, aber immer wieder vorgesetzt bekam. Oder Weckewerck, ein graue Brei aus frischem Hirn mit Pellkartoffeln. „Es wird gegessen was auf den Tisch kommt“, sagte Martha und „wenn du was besseres willst, sag deinem Vater, er soll mir mehr Geld geben.“ Eva hätte gerne manchmal nur ein Spiegelei gehabt, doch dazu hätte sie ein lang Geschrei über sich ergehen lassen müssen, über all die Mühe, die sich ihre arme Mutter für sie machen musste und keiner dankte es ihr.
Am Tag vor dem ersten Schultag waren alle Kinder mit ihren Eltern zu einer nachmittäglichen Theatervorstellung eingeladen. Kinder aus den höheren Klassen führten für die Kleinen ein Märchen auf. Eva saß aufgeregt neben Martha auf einem der aufgestellten Klappstühle. Alle schrieen laut und nervös durcheinander. Die Erwachsenen unterhielten sich. Eva saugte die fremden Farben und Gerüche in sich ein. Martha sprach mit niemand, sie saß einfach da, bis das Licht ausging und die Vorstellung begann. In Eva breitete sich etwas weit und funkelnd aus. Sie wünschte sich sehnlich Teil dieses Spiels zu sein. Schule war etwas Wunderbares! Voller Vorfreude dachte sie an den nächsten Tag. Was da wohl sein würde? Ob sie wohl mitspielen durfte?
Als das Licht wieder an ging und alle laut klatschten, zog Martha sie mürrisch zum Ausgang, Eva erfuhr nie, was sie hätte tun müssen, um mitspielen zu können…

Kapitel 3

Rosas Lieblingsbeschäftigung waren Schneckenrennen. Sie sammelte ein paar Schnecken, die sich ängstlich in ihre Häuser verkrochen hatten und setzte sie auf parallel laufende Rinnen, die sie vorher in die Erde gezogen hatte, dann saß sie da und wartete. Irgendwann traute sich eine Schnecke vorwärts, die anderen folgten, wenn eine ihre Bahn verlassen wollte, wurde sie von Rosa sanft wieder geradeaus gesetzt.
Rosa spielte auch gern mit Puppen, sie zog sie an und aus und kochte ihnen auf ihrem Puppenherd Schokoladenpudding. Evas Herd rostete in einer Kramkiste vor sich hin. Sie machte sich auch nichts aus Schnecken. Eva liebte Bücher oder lange Zeit so hoch in einem Baum zu sitzen, dass niemand wusste wo sie war. Einmal war sie in einem der hohen Lindenbäume vor dem Haus zu weit geklettert. Sie kam nicht mehr runter, rufend musste sie ihr Versteck verraten und sich von ihrem Vater helfen lassen. Oder sie stand auf der hölzernen Veranda und sah zu, wie ein Sommergewitter riesige Regentropfen auf die Erde platzen ließ. Ein greller Blitz schlug in einen der Bäume ein. Eva hörte, sah und fühlte sein Energie voller Faszination. Lautes Gekreische und zwei Arme rissen sie brutal nach hinten und aus sich selbst heraus: Martha hatte Angst vor Gewittern.
Eva kam, ganz der Papa, mit dichten roten Haaren zur Welt, Martha erzählte Eva, dass die Leute sie nicht angesehen hätten, wenn sie mit ihr im Kinderwagen spazieren ging, sie hätte damals schon ausgesehen wie eine Hexe. Dagegen wurde Rosa voller Entzücken bewundert, für ihre nachtschwarzen Haare und die mit langen, schön geschwungenen Wimpern bedeckten, tiefblauen Augen. Rosa schrie auch nur sehr selten. Eva dagegen war mit nichts zufrieden und schrie immer. Als sie etwas älter wurde, hörte das auf und sie begann zu singen. Hinten im Garten, neben dichten Efeuranken, ein Stück weit unter den Pflaumenbäumen, stand ein großer einzementierter Gartentisch, den benutzte Eva als Bühne. Von Hits aus den Zwanzigern bis Elvis sang sie alles nach, was sie irgendwo hörte. Leider musste sie bei bestimmten Textstellen unverständliches Kauderwelsch von sich geben, weil Martha ihrer Tochter nicht erlauben konnte, Sachen zu singen wie:
„komm zu mir,
ich zeige dir heut' Nacht,
wie man aus weinen
Lachen macht.....“,
Marthas Lieblingsmusikstück war der Marsch: „Ich hatt' einen Kameraden“. Diese Art von Musik ließ sie in Erinnerungen schwelgen, an ihre BDM-Zeit und ihren Gustav. Es trieb ihr die Tränen in die Augen. Andere Musikrichtungen, zum Beispiel Jazz, waren abartig. Das hatte sie schon in der Schule gelernt, als ihr geliebter Führer noch das Sagen hatte. Als Martha noch ein Kind war, saß sie einmal neben ihrer Mutter an einer Festtagstafel mit weißen Tischdecken. Viele Verwandte waren aus irgendeinem Grund zusammen gekommen und saßen essend und redend am Tisch. Ein Onkel rief durch den Raum: „Anna, Anna“, so hieß Marthas Mutter. Anna unterhielt sich angeregt mit einer Cousine und reagierte nicht. „Anna, Anna“, rief der Onkel erneut, die kleine Martha wollte sich einen Spaß machen und rief ihrer Mutter zu: „Anna, Anna, hörst du denn nicht?“ daraufhin holte Anna mit ihrer beringten Hand weit aus. Sie schlug Martha mit dem Handrücken ins Gesicht, so dass das Blut viele kleine rote Spritzer auf das weiße Tischtuch machte. „Nenne mich nie wieder beim Vornamen,“ sagte sie dabei, „für dich bin ich deine Mutter.“ Martha bekam noch einen Schlag für das versaute Tischtuch und wurde aus dem Raum geschickt.
Der Hausarzt von Otto, der immer eine Alkoholfahne hatte und auch sonst schlecht roch, stellte lakonisch fest, Eva habe Senkfüsse und müsse zum Orthopäden. Der verpasste der am liebsten barfuss laufenden Eva zwei, mit Leder überzogene Stahleinlagen, die Dinger ließen sich nur in festgeschnürten Schuhen tragen. Sie ging mit Martha Schuhe kaufen; da standen all die gelben, roten, blauen und weichen Mokkasins, oder gar Turnschuhe! Eva bekam braune Schnürschuhe, in denen die Stahleinlagen bequem Platz hatten.
Auf dem Heimweg von der Schule kam Eva eines Nachmittags an dem Anbau vorbei, in dem Siegfried, ein entfernter Verwandter von Martha, mit seiner Frau wohnte. Der hielt sich hinter dem Haus, unter einem hölzernen Dach, ein paar Kaninchen. Eva brachte ihnen die Reste von ihrem Pausenbrot, als plötzlich Siegfried hinter ihr stand und anfing sie zu betatschen.
Erschrocken wollte Eva weglaufen, doch der Mann hielt sie fest und drückte sie gegen die Mauer, dann hörte sie seine Frau rufen und er ließ sie los. Voller Angst und Verwirrung rannte sie nach Hause, um Martha davon zu erzählen, die verpaßte ihr eine Ohrfeige, während sie Eva anschrie, sich ja nie wieder herumzutreiben. Einige Jahre später vergewaltigte Siegfried seine erst einige Monate alte Tochter.
Die Schule war meist graue, bleierne Zeit. Weil sie selbst niemanden mitbringen durfte, wurde sie nie eingeladen. Ein für Eva undefinierbares Etwas, eine Art Vakuum, schloss sie aus. Sie hatte auch keinen Zugang zu den Interessen der gleichaltrigen Mädchen, die ohnehin hochnäsig an ihr vorbei stolzierten. Sie war gern allein, ging am Fluss entlang und beschäftigte sich mit Fischen und Algen. Insekten faszinierten sie besonders. Sie verbrachte Stunden damit, Libellen, die in der Hitze über dem Wasser schwebten, zu beobachten. Ein Ameisenhaufen war ein fernes Universum. Einmal fand sie den halbverwesten Kopf einer Ratte. Sie säuberte ihn sorgfältig, bis sie ein weißes Skelett übrig hatte. Die Zähne steckten lose im Kiefer und ließen sich herausnehmen. Stolz stellte sie die Trophäe zuhause ins Regal. Da lagen schon ein paar andere, auf ihren Streifzügen gesammelte Objekte, zwischen schönen oder seltenen Steinen. Eines Mittags kam sie aus der Schule - und alles war weg. „Wo sind meine Sachen?“ fragte sie Martha. „Sachen, was für Sachen? Wenn du das schmutzige Zeug aus dem Regal meinst, das habe ich weggeworfen.“
Gut, dass es Bücher gab. Und Farben, Stifte, Papier. Immer wenn der Küchentisch frei war, breitete Eva ihre Malsachen aus und versuchte sich zu konzentrieren. Meistens verbreiteten ihre Geschwister und Martha viel Tumult in der Küche, oder, wenn sie gerade mittendrin war, musste sie alles wegräumen, weil Essenszeit war.
Im Sommer nach ihrem zwölften Geburtstag, fand Eva blut in ihrem Höschen. Sie bekam panische Angst und dachte, sie litte an einer schlimmen Krankheit. Zuhause zog sie sich um und schubste das Höschen unters Bett, wo es Martha beim Putzen fand. Sie stand immer noch mit Schrubber und Eimer in der Küche, als sie am späten Nachmittag Eva zu sich rief. „Hör mal zu,“ sagte sie zu dem Schrubber, mit dem sie weiter heftig über den Fußboden wischte, „ich habe die Hose unter deinem Bett gefunden und wollte dir nur sagen, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, das kriegst du jetzt jeden Monat einmal- das haben alle Frauen. Halte dich von jetzt an von Männern fern.“
Verstummt und verwirrt, aber froh so glimpflich davongekommen zu sein, ging Eva in den Garten. Einige Wochen später trennte Otto mit Holzlatten und alten Vorhängen einen kleinen Raum im ehelichen Schlafzimmer ab und stellte Evas Bett dort hinein.
Dann traf Martha irgendwo in der Nachbarschaft auf Maria. Maria war aus dem Osten kommend, vor den Russen geflüchtet und in Melsungen hängen geblieben. Sie lebte allein und war als Folge einer Vergewaltigung, an der mehrere Russen beteiligt waren, unfruchtbar. Ihre Augen waren wie kleine, stechende, schwarzbraune Blitze.
Sie litt darunter, Analphabetin zu sein und versuchte dieses Manko unter viel besserwisserischen Moralbegriffen und der genauen Kenntnis von gut und böse, wieder wett zu machen. Sie hatte vierzig Kilo Übergewicht und durch ständigen Alkoholmissbrauch ein kranke Leber, woran sie auch letztendlich starb. In ihr fand Martha eine Verbündete gegen Otto.
„Am liebsten würde ich auf und davonlaufen,“ vertraute sie Maria an. „Wenn ich bloß wüsste wie?“ Maria wusste wie. Sie besorgte Martha zwei kleine, schimmelige Zimmer in der Kasseler Straße, gleich gegenüber vom Bäcker und dem kleinen Edeka-Laden, in einem der heruntergekommenen Fachwerkhäuser der Melsungen Innenstadt.

Kapitel 4

Eva war traurig und verwirrt, aber auch empört und wütend. Seit Wochen musste sie mit Martha in einem Bett schlafen. Ihr Zuhause, die Rosenhöhe, hatte sie morgens um vier wie ein Dieb verlassen, ihren trotz allem geliebten Vater schlafend und nichts ahnend zurückgelassen.
Unter Androhung schwerer Strafen hatte Martha ihr verboten diesen Hurenbock jemals wieder zu sehen. Natürlich ging Eva heimlich hin. Doch Melsungen ist eine kleine Stadt und der Klatsch blüht. Deshalb erfuhr Martha davon. Schlug auf Eva mit einem Handfeger ein und nannte sie eine läufige Hündin.
In der Schule wurde sie völlig ignoriert. Die Lehrer fragten nicht einmal mehr nach Hausaufgaben, sondern behandelten sie als ob sie gar nicht da wäre. Otto gab Martha kein Geld. Deshalb musste Eva nachmittags in der Kneipe am Rathausplatz Fenster putzen und Besteck spülen.
Als Martha Sozialhilfe beantragte, wurde das Amt auf die Familie aufmerksam und gaben Martha und ihren Kindern eine trockene und etwas größere Wohnung. Die lag ganz oben unter dem Dach der baufälligen und seit langem leerstehenden alten Grundschule. Gleich gegenüber von dem kleinen Schloss, das vor zweihundert Jahren von einem hessischen Kurfürsten als Sommerresidenz erbaut wurde.
Die neue Wohnung hatte einen großen Raum mit einer anschließenden kleinen Kammer, die Eva ganz für sich allein haben durfte. Wenn man die fünf Etagen zur Wohnung hochgestiegen war, kam man in eine Wohnküche, davon gingen zwei fensterlose Kammern ab, in denen Rosa und Willi, die fast völlig verstummten kleinen Geschwister von Eva schliefen. Es war typisch für Martha, den größten Raum für sich zu beanspruchen, um dann nichts besseres damit anfangen zu können, als immer gut zu lüften.
Evas Freude über das eigene Zimmer wurde getrübt, durch die ständige Anwesenheit von Marthas neuer Freundin Maria, die meist betrunken war und voller Hass aus das junge Mädchen. Wenn Eva nach Hause kam, essen wollte, oder sonst etwas mit ihrer Mutter zu bereden hatte, immer saß Maria dabei und versuchte Eva davon zu überzeugen, dass sie, Eva, gerade jetzt für ihre Mutter da sein müsste, sie hätte soviel gelitten, ihre arm Mutter! Eva konnte die meist alkoholisierte Maria nicht leiden und wollte, auch von Martha, nur in Ruhe gelassen werden, aber die beiden ließen sie nicht in Ruhe.
Martha veränderte sich, sie begann zu rauchen und ließ sich von Maria zum Trinken animieren. Davon bekam sie Kopfschmerzen und verbrachte viele Tage jammernd und stöhnend im Bett. Eva hatte von ihrem Vater eine kleine Mandoline bekommen, durfte aber nie damit spielen, auch Radio hören oder singen veranlasste Martha zu heftigen verbalen Attacken gegen Eva.
In dieser Zeit beschäftigte Eva sich mit Kohlezeichnungen. Ihr Zimmer war tapeziert damit. Sie las viel und schrieb ihre ersten eigenen Gedichte und kleinen Erzählungen. Einige wurden sogar in der Schülerzeitung gedruckt.
In einem Jahr wurde sie vierzehn, und würde ihren Schulabschluss machen. In der Schule waren Leute von der Berufsberatung gewesen und eine nette junge Frau hatte sich mit Eva unterhalten. In dem Gespräch war klar geworden, dass Eva einen künstlerischen Beruf erlernen würde. Eine Ausbildung zur Fotografin vielleicht. Von all dem wusste Martha nichts. Sie hielt die Begabungen ihrer Tochter für etwas, was ihr noch viel Ärger einbringen würde.
Welcher Mann wollte eine solche Frau heiraten? Die rothaarige Eva war genau wie ihr Vater! Sie parierte nicht mehr, war aufsässig, gab ständig Widerworte und war zu nichts zu gebrauchen. Das Beste wäre, so dachte Martha, wenn sie versuchen würde, Eva so schnell wie möglich unter die Haube zu bringen. Maria hatte ihr von einem jungen Mann erzählt, einem einundzwanzigjährigen Beamtenanwärter, der zur Zeit in der Nähe von Melsungen eine Polizeischule besuchte. Wenn Evas Konfirmation vorbei war, würde sie den mal einladen. Die Kerle starrten Eva sowieso schon hinterher. Seit sie kleine Brüste entwickelt hatte, und ihren Hintern in einer engen Jeans zur Schau stellte.
Berufsausbildungen für Mädchen waren in ihren Augen verschwendete Zeit. Früher oder später würden sie heiraten und Kinder bekommen. Dieses Luder konnte froh sein, wenn sie überhaupt einen abkriegte.
Einige Zeit später fand Eva ihr Zimmer leer geräumt. Ihr kleiner Bruder Willi brauchte das Zimmer jetzt, sagte Martha, weil er eben ein Junge war. Evas Sachen lagen in einer der lichtlosen Kammern, hinter der Küche. Eva verstummte, sie sprach zuhause - dem zuhause von Martha - kein Wort mehr. Das reizte die beiden, meist angetrunkenen Frauen zu immer neuen Sticheleien. Die Leute vom Amt waren einige Male da gewesen und interessierten sich hauptsächlich für Marthas Koch- und Putzkünste.
Evas Schulabschluss rückte näher, in der Schule waren alle in Aufbruch- und Partystimmung. Überall wurden Feste geplant und gegenseitige Einladungen ausgesprochen. Eva war ein bisschen in die Lederjacke eines Klassenkameraden verliebt, und hoffte mit dem dazugehörenden Jungen auf irgendeiner Fete tanzen zu können.
Der erste Pfarrer, der Eva in Religion unterrichtete, wollte sie nicht konfirmieren weil sie, wie er Martha erzählte, den Teufel im Leib hätte. Auf den hysterischen Ausbruch ihrer Mutter hin, suchte Eva einen anderen Pfarrer, der sie dann konfirmierte.
Am Tag der Konfirmation, nachdem alle Schulabgänger in der Kirche auf Bibelfestigkeit geprüft waren, musste Eva mit Martha nach Hause gehen, wo die Verwandtschaft von Martha um mehrere zusammen gestellte Tische saß und schon fröhlich feierte. Eva bekam von Leuten die sie kaum oder gar nicht kannte, Tischdecken, Servietten und die dazu passenden Ringe. „Für deine Aussteuer“, lachten sie.
Als Eva am späten Nachmittag sich für ein oder zwei Stunden verabschieden wollte, um sich mit den anderen Schülern zu treffen, schnauzte Martha sie vor den Leuten zusammen und ließ sie nicht aus der Wohnung. „Konfirmation ist ein Familienfest“, sagte sie, „du wirst dich heute nirgends rumtreiben“.
Eva machte Pläne. Sie wollte sich einen Ausbildungsplatz bei einem Fotografen suchen und schnell so viel wie möglich lernen. Bei dem einzigen Fotografen in Melsungen war die Lehrstelle schon besetzt. Die Berufsberatung gab ihr einige Adressen aus Kassel, der nächst größeren Stadt, die man mit dem Zug in zwanzig Minuten erreichen konnte. Sie fand schnell einen Fotoladen und schloss einen Lehrvertrag ab. In einigen Wochen würde sie dort anfangen.
Zwei Sonntage später fand sie Martha an einem gedeckten Tisch mit Kuchen und Blumen. Neben ihr ein junger Mann, der Eva freundlich anlächelte. Martha stellte ihr den Mann vor, und lud sie aufgekratzt zum Kaffeetrinken ein. Eva war zwar sehr verwundert, aber zu naiv um die Situation zu verstehen. Der junge Mann kam noch einige Male zu Besuch, aber als er einmal versuchte Eva zu küssen und die ihn empört abwies, ließ er sich nicht mehr blicken.
Für Eva begann ein neues Leben. Sie fuhr morgens nach Kassel und kam erst mit dem Nachmittagszug um fünf wieder zurück. Sie begann wieder mit ihrer alten Gewohnheit, laut zu singen. Als sie einmal, vom Bahnhof kommend, während eines Sommergewitters ihre nassen Sandalen auszog, und laut singend barfuss durch die warmen Pfützen lief, wurde sie von einer Nachbarsfrau beobachtet. Zuhause erwarteten sie Maria, Martha und noch zwei Frauen, die Eva nur vom Sehen kannte. „Ob sie jetzt völlig übergeschnappt sei,“ fragte sie Martha, „am helllichten Tag mitten auf der Strasse, sich so zu benehmen, dass ihr die Leute hinterher sahen, man müsse sich ja schämen.“ Alle vier Frauen redeten auf Eva ein, das ihre Mutter sie jetzt, in diesen ach so schweren Zeiten, brauchte. Das Eva dringend eine Mutter brauchte, kam niemanden in den Sinn.
Ein paar Tage später fiel zu ersten Mal das Wort „Heim“. Dieser Vorschlag kam von Maria. „Steck sie doch ins Heim,“ sagte sie zu Martha, „da ist sie unter Aufsicht und du hast eine Sorge weniger.“ „Die fängt bestimmt bald was mit Männern an, was willst du dann machen?“ bei dem Thema Männer wurde Martha hellhörig. Vielleicht war Eva ja immer so gut gelaunt in letzter Zeit weil sie in diesem Zug, mit dem sie jeden Tag fuhr Männerbekanntschaften machte. Das Bild der männermordenden Eva im Zug ließ sie nicht mehr los. Sie versuchte Eva auszufragen, und verlangte Rechenschaft über Evas Tagesablauf. „Außerdem sei es nicht notwendig, bis in das weitentfernte Kassel zu fahren.“ „Sie solle sich doch Arbeit in Melsungen suchen,“ sagte sie eindringlich zu Eva. Anderenfalls würde sie Eva in einem Heim unterbringen lassen. Eva konnte die Drohung nicht ernst nehmen. Warum sollte sie in ein Heim kommen?
Die Ausbildung machte ihr Spaß, sie ging sogar gerne in die Berufsschule, weil sie da Kontakt zu Leuten hatte. In zwei, drei Jahren hätte sie ihre eigene Wohnung und Martha wäre sie endlich los.

Kapitel 5

Im Mai hatte Eva ihren ersten Urlaub. Sie hatte sich von ihrem Lehrlingsgeld ein paar neue Sachen gekauft. Eine weiße indische Bluse und weiße Riemchensandalen mit kleinen Absätzen. Die Sonne schien schon warm und Eva stand früh auf. Sie freute sich auf die nächsten Tage.
Vielleicht konnte man ja schon schwimmen gehen. Sie machte sich Wasser heiß zum Waschen und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. In der Wohnung war es ungewöhnlich still.
Eva kämmte sich ihre langen roten Haare und zog die neuen Sachen an. Schritte kamen die Treppe rauf. Es klopfte und Eva wunderte sich über den frühen Besuch. Martha kam, angezogen und gekämmt, aus ihrem Schlafzimmer. Leise und höflich öffnete sie die Tür. Ein Mann und eine Frau standen dort, beide jung und freundlich lächelnd. Martha bat sie herein. Ein stilles Einverständnis schwebte zwischen den dreien und die Frau sagte zu Eva, sie solle sich was überziehen und mitkommen. Eva fragte wozu und wohin und ob das nicht Zeit hätte, es wäre ihr erster Urlaubstag und.....
Der Mann fasste sie sanft am Arm und führte sie durch die Tür. „Sei jetzt still, und komm mit“, sagte er dabei. Sie gingen zu einem vor dem Haus geparkten Auto. Eva musste sich neben die Frau auf den Rücksitz setzen und der Mann fuhr die Umgehungstrasse entlang, aus Melsungen hinaus.
Der Tag, der eben noch leicht und sonnig war, verwandelte sich für Eva in graue, sprachlose Paralyse. Schweigend durchfuhren sie einige Dörfer im Fuldatal. Nach etwa zwanzig Minuten hielten sie in Guxhagen vor einem alten Gemäuer. Hinter einer hohen Mauer, mit oben eingelassenen Scherben und Stacheldraht, verbarg sich eine Kirche mit Friedhof. In den anschließenden Nebengebäuden waren die ursprünglich für Mönche gedachten, kargen Zellen untergebracht. Evas Begleiter gingen mit ihr zu einer in die Mauer eingelassenen Pforte und klingelten. Ein Gesicht öffnete ein Guckloch und spähte nach draußen. Die Tür öffnete sich und Eva wurde in einen kleinen, stickigen Raum geführt. Eine ältliche Frau, mit kurz geschnittenen Haaren und kantigem Gesicht, saß, mit einem für das Wetter viel zu warmen Uniformkostüm bekleidet, hinter einem Schreibtisch. „Ah, endlich mal eine die nicht weint, “ begrüßte sie Eva, und wies ihr einen Stuhl an. Über Eva hinweg wurden Worte und Papiere ausgetauscht. Die Frau im Kostüm telefonierte. Der Mann und die Frau ließen Eva auf dem Stuhl sitzen und gingen zurück zu ihrem Auto.
Eine Frau mit grauen Haaren und großer Schürze kam und holte Eva ab. Sie gingen durch einen kleinen, gepflasterten Innenhof. Die Frau hatte einen großen Schlüsselbund an der Schürze, aus dem sie umständlich einen Schlüssel aussuchte, mit dem sie auf der linken Seite des Hofes eine Tür öffnete, um sie gleich wieder hinter Eva abzuschließen. Sie gingen einen langen Gang hinunter, an der linken Seite waren Zellentüren. Sie gingen bis zum letzten Raum gegenüber dem Eingang. Ein sehr hohes, kaltes Badezimmer, mit dicken, von weißen Abflussrohren durchzogen. Links war ein mit Milchglasscheiben und Gittern versehenes Fenster, rechts eine große alte Badewanne auf Füßen. Die Frau ließ heißes Wasser einlaufen und befahl Eva sich auszuziehen. Eva versuchte ihr zu erklären, dass sie sich gerade erst gewaschen habe und ihre Sachen neu und sauber waren. Es interessierte sie nicht.
Evas weiße Sandalen waren Schnickschnack und weiße Blusen würde sie in Zukunft nicht brauchen.
Eva solle sich die Haare mit Läuseshampoo waschen, das sei hier Vorschrift. Sie stellte eine große Flasche, mit grünlich aussehendem Inhalt hin und forderte Eva erneut auf, sich endlich auszuziehen. Eva versuchte wenigstens ihre Unterwäsche anzubehalten, doch die Frau nahm ihr sogar den Freundschaftsring weg, den sie von dem Jungen mit der schönen Lederjacke bekommen hatte. Die Frau ging mit Evas Sachen hinaus und schloss die Tür hinter sich ab. Nackt und frierend setzte sich Eva in das heiße Wasser. Nach einer Ewigkeit kam die Frau mit Handtüchern, einer gebrauchten, viel zu weiten Feinrippunterhose und einem bis auf die Füße reichenden beigefarbenen Leinenhemd zurück, das unangenehm kratzte. Dann führte sie Eva, wie eine Kranke den Gang entlang in die erste Zelle. Sie verschloss die Tür und Eva war allein in einem sehr hohen und gleichzeitig sehr schmalem Raum, in dem kaum mehr wie die Breite des eisernen Bettgestells platz hatte. Ein Nachttopf und ein Stuhl vervollständigten die Einrichtung. Aus dem vergitterten Fenster konnte sie ein paar Meter über den Innenhof auf das gegenüberliegende, düster wirkende Gebäude blicken. Sie hörte und sah niemanden.
Von irgendwoher kam das leise Klappern von Geschirr. Unfähig irgendetwas zu denken, saß Eva stundenlang in der gleichen Haltung auf dem Bett, vor sich hinstarrend, ohne etwas zu sehen. Irgendwann hörte sie Schritte und Schlüssel klappern. Die Tür ging auf und eine Riesin in einem weißen Kittel brachte Eva Tee und ein Marmeladenbrot. Sie sagt (sie hieße Schwester Gudrun und würde Eva in den nächsten Tagen das Essen bringen. Nach drei Tagen, in denen Eva meistens nicht einmal mehr wusste wie spät es war, wurde sie morgens von Schwester Gudrun in einen benachbarten Raum geführt, ein Mann saß an einem Tisch und blätterte in Papieren.
In einer Ecke stand ein alter, rostiger gynäkologischer Stuhl. Der Mann forderte Eva auf, sich ihre Unterhose auszuziehen und sich mit gespreizten Beinen auf den Stuhl zu legen. Eva drückte ihre Knie zusammen und fing an zu schluchzen. „Nein“, sagte sie immer wieder, „nein, nein, nein.“ Ihre sexuellen Erfahrungen beschränkten sich auf einige Schulflirts und sie war noch nie bei einem Frauenarzt gewesen. „Komm, komm Mädchen,“ sagte der Mann zu Eva, „ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
Schwester Gudrun und die Frau mit dem großen Schlüsselbund kamen ins Zimmer. Sie drängten Eva zu dem schrecklichen Stuhl, drückten ihren Oberkörper nach hinten, zogen die Unterhose nach unten und das beige Hemd nach oben, so dass ihre Brüste zu sehen waren. Dann spreizten sie ihre strampelnden Beine und hielten sie in den eisernen Schlaufen des Stuhls fest. Sie drückten ihre Schultern brutal nach unten, so dass Eva sich nicht mehr wehren konnte. Sie schluchzte und wimmerte. Dabei rief sie seltsamerweise nach ihrer Mama, die sie nie hatte. Der Mann zog mit einem Instrument ihre Schamlippen auseinander und Eva durchfuhr ein heftiger Schmerz, als kaltes Metall in sie eindrang. Nachdem noch andere Manipulationen an ihr vorgenommen wurden, die Eva nicht einschätzen konnte, zogen sie ihr das Hemd wieder herunter, schleiften sie zurück in die Zelle und ließen sie dort weinend und allein zurück. Vierzehn Tage und Nächte saß Eva völlig isoliert in der engen Zelle. Genau die Zeit, in der sie ein paar schöne Urlaubstage verbringen wollte. Sie hatte nichts zu lesen, kein Radio oder Fernsehen. Sie konnte niemandem schreiben oder anrufen, niemand kam, um ihr zu erklären, warum sie hier war. Gedanken an Flucht beherrschten sie.
Dann kam Schwester Gudrun nachmittags mit einem Bündel Kleider, legte sie auf das Bett und befahl Eva sich anzuziehen, sie käme heute in die Gruppe. Eine Art Dirndelkleid, von undefinierbarer Farbe, eine Schürze, dicke wollene Kniestrümpfe, klobige braune Schuhe und eine uralte, riesige, graue Strickjacke. Als Unterwäsche diente ein weißgraues, bis in die Kniekehlen reichendes Hemd und eine, ebenfalls schon häufig benutzte, viel zu große Unterhose. Die Sachen rochen stark nach Mottenpulver und Eva fühlte sich darin äußerst unwohl. Nichts passte, und sie verspürte heftigen Juckreiz. Sie wurde von Schwester Gudrun über den Innenhof geführt, und in das düstere Gebäude in den dritten Stock gebracht. Dort übergab sie Eva einer Erzieherin. Die lächelte sie freundlich an und nahm sie mit in einen Raum, in dem viele Mädchen, ähnlich kostümiert wie sie selbst, um den Abendbrottisch saßen. Die eulengesichtige, ständig lächelnde Frau, wies Eva gleich neben sich einen Platz zu. Es gab Butterbrote, Tomaten und Bratheringe. Niemand sprach. Evas Magen war zusammen gekrampft. Sie lehnte das Essen dankend ab, und trank von dem heißen Tee. „Das wir uns gleich richtig verstehen,“ sagte das Eulengesicht, „du wirst das essen, was auf dem Tisch steht und lass bitte nichts auf dem Teller zurück, wir verschwenden hier kein Essen,“ sprachs und legte Eva einen Brathering auf den Teller. Eva wurde gezwungen den Hering runterzuwürgen. Als nur noch der Kopf und die Gräten übrig waren, sagte die Erzieherin zu ihr: „Als ich sagte alles, meinte ich das auch so! Bevor du nicht aufgegessen hast, kann niemand vom Tisch aufstehen.“ Eva starrte verzweifelt auf den Fischkopf, drehte sich zur Seite, und erbrach sich auf das kotzgrüne Linoleum.
Am frühen Abend wurden alle Mädchen mit ihren Nachttöpfen eingeschlossen, im Morgengrauen wurden die Türen wieder geöffnet und alle in einen großen Waschraum getrieben. An einer langen Reihe von Waschbecken, in ihren, den Hintern züchtig bedeckenden grauweißen Unterhemden, mussten sich alle gleichzeitig „unten herum“ waschen. Dann wurden die grotesken Unterhosen angezogen, und das Hemd aus, um sich „oben herum“ waschen zu können. Das Ritual wurde von der Aufseherin Katzwinkel streng beobachtet. Für „unten“ und „oben“ gab es verschiedene Waschlappen, die nicht verwechselt werden durften. Auch sprechen und kichern war verboten.
Nachdem sie schweigend Tee getrunken und ein Marmeladenbrot gegessen hatten, kamen alle zum Morgenappell auf dem Innenhof zusammen. Die Frau mit dem kantigen Gesiecht, die Eva das letzte mal bei ihrer Einlieferung gesehen hatte, kommandierte mit lauter Stimme die Reihen gerade. Eva hörte nicht auf das, was die Frau sagte, sie versuchte Fluchtwege ausfindig zu machen. Die Mädchen wurden in Arbeitsgruppen eingeteilt, und gingen mit einer oder mehreren Aufseherinnen zu ihren Arbeitsplätzen in die Küche, oder in die Waschküche, in der die gesammelte Wäsche der Anstalt gewaschen wurde. Es gab auch einen kleinen an die Anstalt anschließenden Bauernhof, mit einigen Hektar Land, wo allerdings nur Mädchen, die schon seit Jahren im Kloster Breitenau waren und jeden Gedanken an Flucht aufgegeben hatten, arbeiten durften.
Eva wurde gefragt, was sie am liebsten tun würde, und was sie nicht so gerne mochte. Sie erzählte, das sie stricken und nähen verabscheue, aber gern mit Tieren und Pflanzen umging. Daraufhin wurde sie der Nähstube zugeteilt. Diese war in einem stickigen Dachboden untergebracht, in dem etwa fünfzehn Nähmaschinen standen, hinter einem großen Zuschneidetisch saß, auf einem extra für sie erhöhten Sitz, eine verkrüppelte Zwergin. Sie hielt eine große Schere in der Hand, mit deren stumpfen Ende sie jedes Mal heftig auf den Tisch klopfte, sobald eines der Mädchen es wagte den Mund aufzumachen.
Trotzdem brachte Eva bald in Erfahrung, dass die Mauer zwar um die gesamte Anstalt verlief, es jedoch durch einen in der Nähe der Mauer aufgeschichteten Misthaufen die Möglichkeit zum Überklettern gab. Als die Zeit des Abendappells kam und alle sich wieder auf dem Innenhof versammelten, gelang es Eva sich als Letzte hinten an zu stellen. In einem ihr günstig erscheinenden Moment drehte sie sich um und rannte los. Sie kam an einer Scheune vorbei, an einigen Holzschuppen und dem Eingang von einem Keller. Sie lief hinein und schloss hinter sich die Tür. Es war ein Kartoffelkeller, in dem in einer Ecke schon bereits gefüllte Säcke mit Kartoffel standen. Hastig leerte Eva einen Sack, stülpte ihn über sich, und kauerte sich nahe der Wand zwischen die Kartoffeln. Von draußen hörte sie ihren Namen rufen und aufgeregtes hin und her. Sie hatte Todesangst. Der Strahl einer Taschenlampe glitt über sie hinweg. Sie wagte kaum zu atmen.
Als sie leise hinausging, war es schon lange dunkel und alles war still. Sie schlich die Mauer entlang, fand den Misthaufen, stellte noch ein paar herumliegende Kisten übereinander, zog den Stacheldraht hoch und sah, dass es auf der anderen Seite viel zu steil nach unten ging. Durch die eingelassenen Scherben konnte sie auch nicht auf der Mauer laufen. Leise bewegte sie sich durch das Gelände und stand schließlich vor einem großen Tor. Gedacht für landwirtschaftliche Maschinen, war es gespickt mit eisernen Riegeln und Vorsprüngen. Mit Mühe stieg die sportliche Eva auf der einen Seite hoch und auf der anderen hinunter. Geschafft, sie war wieder in Freiheit.
Sie ging bis zur Hauptstraße und orientierte sich in Richtung Melsungen. Sie lief viele Kilometer, bis ein Auto sie ein Stück mitnahm. Morgens stand sie vor Marthas Wohnung in Melsungen. Sie wollte ihrer Mutter erzählen, was passiert war und sie bitten sie wieder aufzunehmen.
Ihr kleiner Bruder Willi öffnete ihr. Martha lag noch im Bett und bekam bei Evas Anblick einen hysterischen Anfall. Sie schickte Willi los, um das Mariechen zu holen, als die mit dem kleinen Willi zurückkam, flüsterten die beiden Frauen erregt miteinander und Maria ging wieder weg, um kurze Zeit später mit zwei Polizisten zurückzukommen. Die nahmen Eva in ihre Mitte und brachten sie zu dem vor dem Haus geparkten Streifenwagen. Voller Panik rannte Eva los. An der alten Turnhalle und der Jugendherberge vorbei lief sie über die Sandstraße, Richtung Fluss. Die Polizisten dicht hinter ihr. Eva rannte ins Wasser und versuchte schwimmend die kleine Insel mitten in der Fulda zu erreichen. Ein Polizist war am Ufer stehen geblieben, der andere holte das Auto. Eva kroch in die hochgewachsenen Brennnesseln. Nachdem sie eine lange Zeit von den Polizisten nichts mehr gehört und gesehen hatte, wagte sie sich aus ihrem Versteck und schwamm ans gegenüberliegende Ufer.
Sie lief Richtung Bahndamm, als der Steifenwagen wieder hinter ihr auftauchte. Die Polizisten stiegen aus und rannten querfeldein hinter Eva her. Kurz vor den Bahngleisen holten sie sie ein und warfen sie zu Boden. Dann bogen sie ihr die Arme schmerzhaft auf den Rücken und schleppten sie zum Auto. Eva musste sich übergeben. Sie wurde in das verschlossene Auto auf den Rücksitz gelegt und zurück gebracht nach Guxhagen, in das KZ Breitenau.
Dort wurde sie der gleichen Prozedur unterzogen wie bei ihrer Einlieferung. Sie bekam sogar die gleiche Zelle. Erneut wurde sie auf den gynäkologischen Stuhl vergewaltigt, mit der Begründung, sie könne sich während der Zeit außerhalb eine Geschlechtskrankheit zugezogen haben. Wieder verbrachte Eva vierzehn Tage in völliger Isolation.

Kapitel 6

Als sie zurück gebracht wurde in die Gruppe, war sie für die anderen Mädchen eine kleine Heldin und für die Aufseherinnen eine ganz Schlimme, auf die sie besonders gut aufpassen mussten. Im Keller des Gebäudes befanden sich große, ehemals weiß geflieste, muffig riechende Duschanlagen.
Die wurden schon von den jüdischen Menschen benutzt, die in den vierziger Jahren im KZ Breitenau als wertlos auf den Müll geworfen wurden. Die Kleider, die Betten und der Gyn-Stuhl stammten noch aus dieser Zeit. Hier wurden sie missbraucht, gefoltert, ermordet oder weiter transportiert nach Osten, nach Auschwitz.
Jeden Samstag mussten die Mädchen in den unheimlichen Keller, um dort zu duschen.
Eva wusch sich ihre Haare. Am darauf folgenden Montagmorgen versuchte Eva, nach dem seltsamen Waschritual, ihre langen Haare zu bändigen. Durch die Wäsche standen sie ihr weit vom Kopf ab. Jede Art von Kosmetik war streng verboten. Das einzige Zugeständnis war eine Handcreme, da die Mädchen durch die Arbeit raue und rissige Hände bekamen. Eva nahm ein wenig von der Creme und verteilte sie im Haar, um ihren Zopf besser binden zu können. Denn auch hängende Frisuren waren nicht erlaubt. Frau Katzwinkel, die an diesem Montag ganz besonders schlechte Laune hatte, schnauzte sie an. Eva versuchte ihr die Sache zu erklären. Das brachte Frau Katzwinkel vollends in Rage: „Was, auch noch aufsässig werden,“ sagte sie. „Dir werd ich's zeigen.“ Sie griff Eva mit einer Hand in die immer noch offenen Haare. Mit der anderen packte sie sie fest am Arm und schleifte sie durch den Flur, eine Treppe höher, bis zum Ende eines Ganges, sie schloss die letzte Tür auf und schubste Eva in einen dunklen Raum.
Eine festangeschraubte Pritsche mit einer zusammengefalteten dicken Pferdedecke und ein Klo ohne Brille, waren gerade noch zu erkennen. Das Fenster war zugemauert. Dort saß Eva drei Tage und zwei Nächte, bis sie am dritten Tag einfach wahnsinnig wurde. Sie begann zu schreien und riss dabei die Decke in winzig kleine Stücke. Die Aufseherinnen trauten sich nicht zu ihr. Deshalb holten sie aus dem Stall kräftige Männer, die Eva überwältigten und eine der Frauen gab Eva eine Spritze. Als sie wieder zu sich kam, befand sie sich in ihrer alten Zelle, im Isolationstrakt. Sie fühlte sich benommen, ihr war schlecht und schwindelig. Nach ein paar Tagen durfte sie wieder in die Nähstube. Allerdings bekam sie von jetzt an drei Mal am Tag eine Tablette, die sie müde und gleichgültig machte. In mühsamer Arbeit musste Eva, als besondere Erziehungsmaßnahme, unter Aufsieht der Zwergin, die zerrissene Decke wieder zusammen nähen.
Eines Sonntags kamen die Familien der Mädchen zu Besuch. Auch Martha war mit dem kleinen Willi an der Hand da¬bei. Eva wollte sie nicht sehen. Doch sie wurde mit den anderen in den Besuchs¬raum gebracht, wo sie Martha an einem kleinen Tisch, gedeckt mit Rührkuchen und Malzkaffee, gegenübersaß. Eva hatte inzwischen fünfzehn Kilo zuge¬nommen und von den Tabletten ver¬quollene Augen. Sie richtete ihren Blick starr auf Martha. Sprach aber kein Wort, Martha schnitt sich ein Stück Kuchen ab, tunkte es in die di¬cke, sich schon seit fünfzig Jahren im Besitz des Klosters befindliche Stein¬guttasse, während sie mampfend fest¬stellte „Och, euch geht's aber ganz gut hier.“
Eva träumte, während sie unter den bösen Blicken der Zwergin an der verhassten Nähmaschine saß, mit einem langen Messer solange auf Martha einzustechen, bis sie sich nicht mehr rührte. Sie versuchte immer wieder zu fliehen. Einmal schaffte sie es, zusammen mit einem anderen Mädchen, fast bis nach Frankreich, bevor sie von der Polizei, verhaftet wie zwei Schwerverbrecher zurück in Isolationshaft und dem Mann ausgeliefert wurde, der sie lange auf dem gynäkologischen Stuhl vergewaltigte und vor dem Eva große Angst hatte.
Der Kirchgang jeden Sonntag war ein besonders demütigendes Ereignis. Die Kirche des Klosters wurde von den Einwohnern Guxhagens zum sonntäglichen Gottesdienst benutzt. Dann saßen die zwischen fünfzehn und einundzwanzig Jahre alten Mädchen, in ihrer lächerlichen Anstaltskleidung an einem extra reservierten, etwas abseits gelegenen Platz, den neugierigen und hämischen Blicken ausgeliefert.
Ein anderes Mal saß Eva nach einer Flucht auf einer kleinen Anhöhe oberhalb ihrer Heimatstadt Melsungen, auf einer Bank in der Nähe des Gymnasiums. Es war Winter und große, leichte Schneeflocken hüllten sie ein. Sie blickte auf die zusammengedrängten, meist schön gebauten Häuser, aus denen in der Abenddämmerung heimeliges Licht fiel. Sie kannte niemanden mehr, zu dem sie gehen konnte. Niemand aus ihrer Schule, oder sonst jemand, hatte sich jemals nach ihr erkundigt. Zu ihrem Vater konnte sie auch nicht, da suchte die Polizei zuerst.
So saß sie einfach da, ohne etwas zu denken oder zu fühlen. Die äußere Kälte des Winters breitete sich auch in ihrem Innern aus und machte sie ganz still. Nach ihrem siebten oder achten Fluchtversuch, hielt ihr die Heimleiterin einen langen Vortrag, der unter anderem die Drohung enthielt, sie in der weit entfernten Anstalt Birkenhof unterzubringen, die lag mitten im Moor und sie würde, falls sie flüchten sollte, im Moor ertrinken.
Dann wurde Eva in die Waschküche „gesteckt“, wie sie es nannten. Die lag tief im Keller, mit oben an die Decke anschließenden kleinen Abzugslöchern. Der Keller war angefüllt mit großen Wasch-, Schleuder-, und Bügelmaschinen. Dazwischen meist schon ältere und kräftige Mädchen in grauen Kitteln. Auch hier war Sprechverbot, doch durch den Lärm der Maschinen und der Frechheit der „Alteingesessenen“, wurde viel getratscht. Hier hörte Eva die unglaublichsten Geschichten. Von Fensterstürzen, bei denen sich Mädchen die „Beine in den Bauch gerammt“ hätten und eines davon tot sei und das andere jetzt im Rollstuhl saß. Deshalb ließen sich die Fenster in der Anstalt auch nicht öffnen und einige wurden zugemauert. Eva wusste nicht so genau ob sie das glauben sollte.
Doch hatte sie selbst schon einmal etwas Schreckliches mit ansehen müssen. Als sie einmal in der Isolationszelle eingeschlossen war, wurde am Nachmittag ein Neuzugang eingeliefert. Nachdem nachmittags um fünf Butterbrote und Tee verteilt waren. Kümmerte sich niemand mehr um den Isolationstrakt. Gegen Abend fing das neue Mädchen an zu weinen. Das Weinen ging über in kleine spitze Schreie. Erstarrt hörte Eva eine lange Zeit zu. Dann schrie sie, so laut sie konnte: „Warte, ich versuche jemand herbeizurufen.“ Sie schlug mit dem Nachttopf gegen die Gitterstäbe und rief dabei „Hallo, hallo, hier braucht jemand Hilfe.“ Nichts rührte sich, alles blieb ruhig. Die Schreie des Mädchens am anderen Ende des Flurs, wurden immer verzweifelter und lauter. Eva dachte, dass irgendjemand sie doch hören müsse. Schließlich lagen die Wohngebäude gleich gegenüber. Sie lauschte an der Tür, ob nicht das Geräusch von Schritten oder Schlüsselklappern zu hören wäre. Nichts. Die Schreie wurden manchmal etwas leiser, um dann erneut in qualvolle, laute Töne überzugehen. Evas Zelle war die erste, gleich hinter dem Eingang. So konnte sie in den frühen Morgenstunden halb in das Innere eines Krankenwagens blicken. Der auf den Hof gefahren war. Zwei Sanitäter trugen in ihrer Mitte ein hochschwangeres Mädchen, mit weit auseinander gespreizten Beinen, immer noch laut jammernd, in den Krankenwagen, und fuhren davon.
Einmal im Monat kam eine Hauswirtschaftslehrerin in die Anstalt, um den Mädchen beizubringen, was eine anständige Hausfrau ausmacht. In dem langweiligen und völlig belanglosen Unterricht, in dem es um selbst Gehäkeltes und Ordnungstöpfe ging, wurden Hefte und Stifte verteilt. Eva schrieb aus Langeweile eine Geschichte in das Heft. Als sie dabei „erwischt“ wurde, schlug ihr die Lehrerin das Heft um den Kopf. Und sie bekam in Aufmerksamkeit eine fünf. Die Anstalt hatte eine kleine Bücherei, in der von „Heidi“ bis „Vom Winde verweht“ alles zuhaben war. Eva hatte letztes Jahr noch versucht Sartre zu verstehen und hatte sich wochenlang mit einem Buch beschäftigt, das “Der gelbe Stern“ hieß. Es enthielt schwarz-weiße Bilder, auf denen bis zum Skelett abgemagerte Menschen zu sehen waren. Manche waren zu Haufen aufgeschichtet und tot. Sie wusste auch von einem Buch, das „Exodus“ hieß und das viel von der Geschichte dieser Menschen erzählte. Als alle Mädchen zu Weihnachten einen Wunsch äußern durften, bestellte sich Eva, zum Erstaunen der Heimleitung dieses Buch.

Kapitel 7

Nach achtzehn Monaten wurde Eva eines morgens ohne große Vorankündigung, entlassen. Jemand brachte sie zum Bahnhof und setzte sie in den Zug nach Melsungen. Martha war inzwischen umgezogen. Sie wohnte jetzt auf der anderen Seite der Fulda, etwas über dem Bahndamm, hinter dem Berlinerplatz in der Rundstraße. Die Wohnung lag in einem der schäbigen Häuser, die der Stadt gehörten. Sie bestand aus einer Küche, durch die man in Marthas Schlafzimmer kam, indem gerade genug Platz für ihr Bett und ein Kinderbett mit Gitterstäben war, indem der inzwischen zehnjährige Willi schlief. In einer Art großen Besenkammer neben dem Klo, schlief die dreizehnjährige Rosa. Für Eva war kein Platz. „Vorläufig kannst du ja auf der Coach in der Küche schlafen“, sagte Martha zu Eva. Das Amt hatte Martha auf Evas Ankunft vorbereitet und ihr erklärt, dass sie Eva aufnehmen müsse, weil die noch minderjährig sei.
Es dauerte nicht lange und in der engen Wohnung war der Teufel los. Eva hatte sich sehr verändert. Das vor zwei Jahren noch fröhlich durch die Pfützen laufende Kind, sprach entweder gar nicht mehr, oder bekam heftige Wutanfälle. Martha versuchte ihr Arbeit zu verschaffen, indem sie sie in der Zeltfabrik oder bei einem Schraubenhersteller „unterbringen“ wollte, wie sie es nannte. „Es sei nicht genug Geld im Hause, so dass sie nicht alle Mäuler stopfen könne.“ Eva müsse Geld verdienen, damit sie, Martha, genügend für alle einkaufen könne. Eva versuchte sich möglichst außerhalb der Wohnung aufzuhalten, soweit es Marthas Kontrolle zuließ.
Im Park traf Eva Hannelore. Die war zweiunddreißig. Frisch geschieden und suchte für ihren vierjährigen Sohn ein Kindermädchen. Sie führte zusammen mit ihrer Mutter zwei Restaurants und hatte immer viel zu tun. Eva konnte bei ihr im Haus ein Zimmer bekommen und müsste sich um den kleinen Paul kümmern. Eva teilte Martha mit, dass sie Arbeit gefunden habe. Packte froh ihre wenigen Sachen und fuhr mit Hannelore im Auto nach Kassel. Alles lief prima. Eva kam gut mit Paul zurecht, Hannelore schenkte ihr großzügig schicke Sachen von sich und bezahlte ihr ein kleines Gehalt. Eva wurde wieder schlank, begann wieder zu zeichnen und zu lesen.
Eines Morgens standen Martha und Maria vor der Tür.
Sie hätte gehört, sagte Martha zu Hannelore, dass sie die Besitzerin von zwei Kneipen sei und sie könne es als Mutter nicht verantworten, ihre noch minderjährige Tochter in einer solchen Umgebung arbeiten zu lassen. Hannelore war nicht unvorbereitet auf den Auftritt der beiden Frauen, denn Eva hatte ihr schon einiges erzählt. So versuchte sie Martha zu beruhigen, indem sie an ihre Vernunft appellierte. Aber Martha kannte keine Vernunft. Sie hatte die Kontrolle über Eva verloren und das passte ihr nicht. „Wir werden ja sehen.“ sagte sie zum Abschied.
Wenige Tage später holte die Polizei Eva ab und brachte sie zurück nach Guxhagen, in die Anstalt für schwererziehbare Mädchen, dem ehemaligen KZ Breitenau.
Eva konnte es nicht fassen.
Sie weigerte sich, sich der Badewannenprozedur mit Läuseshampoo zu unterziehen. Sie weigerte sich in die Zelle zu gehen. Sie weigerte sich, sich noch einmal den gemeinen Blicken des Mannes auszusetzen, vor dem sie sich auf dem gynäkologischen Stuhl entblößen und sich Schmerzen zufügen lassen musste.
Es nutzte ihr nichts.
Sie wurde zu all diesen Dingen handgreiflich gezwungen. Danach musste sie wieder sechs bis acht Stunden am Tag, ohne Bezahlung Schwerstarbeit verrichten. Als sie nach sechs Monaten wieder „nach Hause“ entlassen werden sollte, weigerte sich Eva in Marthas Wohnung zurückzukehren. Sie blieb noch weitere zwei Monate in der Anstalt und wurde dann in ein „Mädchen-Wohnheim“ verlegt. Das befand sich in der Kasseler Innenstadt und war das genaue Gegenteil von Guxhagen. Die einzige wichtige Regel dort war, spätestens um zehn Uhr abends zurück im Heim zu sein. Die Mädchen teilten sich zu dritt oder zu fünft ein Zimmer. Sie konnten ihre persönlichen Sachen behalten und die Zimmer nach eigenem Geschmack gestalten.
Eva war das egal. In letzter Zeit war ihr ohnehin alles ziemlich gleichgültig. Sie nutzte die neue Freiheit kaum und lag oft apathisch auf dem Bett. Sie bekam heftige Schmerzen und ein herbei gerufener Arzt diagnostizierte eine schwere Nierenentzündung. Eva lag mit scheußlichen Schmerzen wochenlang im Bett. Als es ihr wieder besser ging, versuchte sie, weil sie irgendwas tun musste, eine neue Lehrstelle zu finden. Ihr früherer Chef wollte sie nicht mehr einstellen, weil Eva ihm nicht erklären konnte, was inzwischen mit ihr passiert war. Sie fand eine Lehrstelle als Fotolaborantin und nahm das Angebot gleichgültig an. In der Firma „helaphot“ verrichtete Eva tagelang Arbeiten, die mit ihrer Ausbildung nichts zu tun hatten und sie fühlte sich zwischen den anderen Menschen nicht wohl.
An einem Freitagnachmittag ging sie zurück ins Heim. Dass von der Strasse zurückgesetzte Haus war durch einen Gartenweg erreichbar, ein paar Stufen führten in den Aufenthaltsraum, indem, so kurz vor dem Wochenende, viele Mädchen, und einige Jungen um eine Tischtennisplatte standen und einem Spiel zusahen. Eva nahm eine Gitarre, die auf einer durchgehenden, um den ganzen Raum führenden Bank lag. Sie konnte ein paar Akkorde und klimperte leise vor sich hin.
Einer der Jungen setzte sich zu ihr. Sie unterhielten sich eine Weile, bis Eva zum Abendbrot in den Speiseraum ging. Sie traf Jo, so hieß der Junge, an diesem Wochenende noch einige Male in dem Heim.

Kapitel 8

Jo war neunzehn und horny. Weil er zwar ein gutaussehender, aber kein gesprächiger Mensch war, versuchte er mit seinen schönen, dunklen Augen und lässiger Haltung zu beeindrucken.
Am Wochenende lieh sein Vater ihm oft das Auto. Seinem Instinkt folgend, fand er sich dann vor dem Mädchenwohnheim wieder, indem, wie der Name schon sagt, Mädchen wohnen. Weil er schon einmal mit Erika zusammen war, die er oft mit dem Auto abholte und wieder zurückbrachte und weil er dabei immer gute Manieren gezeigt hatte, war er der Heimleiterin bekannt. Er durfte sich zu bestimmten Zeiten in dem Raum mit der Tischtennisplatte aufhalten. Er flirtete mit Eva und lud sie ins Kino ein. Danach gingen sie in eine Kneipe und tranken Bier. Das Auto roch nach neuem Leder und hatte kuschelige Sitze. Eva ließ sich von Jo küssen und streicheln. Sie war gerade siebzehn geworden und hatte nie eine sexuelle Aufklärung erfahren. Sie hatte viele schmutzige Zoten gehört und Geschichten von anderen Mädchen. Doch ihr eigener Körper war ihr fremd geworden. Sie vertraute Jo, wenn er sagte „ich passe schon auf.“ Nach einigen Monaten blieb Evas Regel aus. Jo bekam von seiner Mutter eine Adresse von einem Arzt, der bei Eva eine illegale Schwangerschafts-Unterbrechung vornehmen sollte. Jo fuhr Eva zu der Adresse und ließ sie im Wartezimmer allein. Eine Frau im weißen Kittel brachte sie in einen anderen Raum. Dort saß sie wartend eine qualvolle, lange Zeit. Dann kam ein Mann herein, stellte sich vor als Doktor Fischer und forderte Eva auf, sich zur Untersuchung auf eine Coach zu legen. Er streifte Evas Rock nach oben und begann ihre Klitoris zu streicheln. Dabei erzählte er, dass Eva versuchen sollte, so viele Orgasmen wie möglich zu haben, weil das die Frucht lockern würde. Eva konnte nichts denken und ließ, auf seltsame weise paralysiert, alles mit sich geschehen. Danach gab ihr der Arzt einen neuen Termin, zu dem sie bitte pünktlich erscheinen sollte, Eva ging wieder hin. Sie wollte kein Kind in ihrer Lage.
Nach einigen dieser Termine, bei denen Doktor Fischer immer sexuelle Handlungen an Eva vornahm, gab er ihr innerhalb weniger Tage viele Spritzen. Eva ging weiter zu ihrem Ausbildungsplatz und als sie an einem Morgen für alle Kaffee machte, blubbte es in ihrem Bauch und etwas Warmes lief ihre Beine hinunter. Sie war im vierten Monat und die Fruchtblase war geplatzt. Eva lief aufs Klo und schloss sich ein. Die Wehen setzten ein. Als der Schmerz erträglicher wurde, ging Eva, voller Angst dass jemand etwas merken würde, wieder an ihre Arbeit. Dann kam der Schmerz zurück und Eva brachte, gekrümmt auf dem Klo hockend, ein kleines, totes Wesen zur Welt. Es lag in einer Blutlache in der Kloschüssel. Eva zog die Spülung, sie versuchte die Spuren zu beseitigen und putzte alles sauber. Dann kam noch einmal ein großer Klumpen Blut aus ihr heraus, dabei hatte sie große Angst, dass jemand an der Tür klopfen würde. Leichenblass ging Eva zurück zur Schneidemaschine und versuchte zu arbeiten. Eine der älteren Frauen merkte, das mit Eva was nicht stimmte und kam zu ihr. Eva erklärte ihre Blässe damit, dass sie gerade ihre Periode bekommen hätte und Bauchschmerzen habe. Die Chefin kam, stellte fest, Eva sei heute zu nichts zu gebrauchen und schickte sie nach Hause.
Als Jo von dem erfolgreichen Schwangerschaftsabbruch hörte, fuhr er in die Stadt und kaufte Eva einen schrillen Nagellack.
Eva erzählte niemanden von ihren Erlebnissen im Kloster Breitenau und bei Doktor Fischer. Sie war erstarrt, sprachlos vor Angst, Entsetzen und Scham. Auch das sie abgetrieben hatte, konnte sie niemandem anvertrauen. Alpträume quälten sie, sie war verstört, konnte alles nicht verstehen.
Eva traf sich weiter an den Wochenenden mit Jo. Sie besuchten Discos und tranken Tequilla mit Salz und Zitrone. Als ihre Regel wieder ausblieb und Jo gemeinsam mit seiner Mutter, sie zu Doktor Fischer bringen wollte, weigerte sich Eva.
Das konnte sie nicht noch einmal durchmachen. Eine Alternative kannte sie nicht. Bewusste, eigene Entscheidungen zu treffen, hatte man ihr längst ausgetrieben. Morgens war ihr speiübel und am liebsten hätte sie keinen Menschen mehr gesehen. Doch sie ging weiter an ihren Ausbildungsplatz und versuchte ihre Schwangerschaft zu verheimlichen, auch vor sich selbst.
Als ihr Bauch runder wurde, holte die Heimleiterin Eva zu sich in ihr Büro. Als sie hörte das das Kind von Jo war, freute sie sich für Eva und sagte, Jo wäre ein netter Kerl und er würde Eva bestimmt heiraten, nur hier im Hause könne sie als Schwangere nicht mehr bleiben. Sie gab Eva noch die Adresse eines Frauenarztes und wünschte ihr für die Zukunft alles Gute. Eva begab sich auf die Suche nach einem Zimmer. Sie war immer noch minderjährig, doch das schien niemanden mehr zu interessieren. Dann hatte Jo ein langes Gespräch mit seiner Mutter und Eva zog, gemeinsam mit Jo in zwei kleine Zimmer im Hause seiner Eltern. Im siebten Monat schwanger ging Eva mit Jo zum Standesamt.
Nach der Zwangsheirat bekam sie einen Putzfimmel, und war den ganzen Tag damit beschäftigt die beiden Räume sauber zu halten.
Anfang September, morgens um vier setzten die Wehen ein. Jo fuhr Eva ins Krankenhaus, übergab sie dem Personal und verschwand. Es war Wochenende und die meisten Ärzte des Kasseler Stadtkrankenhauses waren zu Hause. Eva lag allein in ihrem Zimmer, nur eine Hebamme sah von Zeit zu Zeit nach der Erweiterung des Muttermundes. Nach Eva sah niemand.
Nachts schlurfte sie schmerzgeplagt über den Flur. Große Schneiderfliegen hatten sich, vom Licht angezogen, in Trauben an den Fenstern versammelt, das Krankenhaus war still. Nur Eva zog ihren schmerzenden Bauch haltend, einsam ihre Bahnen. Das Kind wollte nicht kommen. Am Montag, nach zwei qualvollen Tagen, wurde Eva auf die Entbindungsstation gebracht und bekam wehenfördernde Mittel. Dann schob eine Schwester sie mit dem Bett in ein Badezimmer und machte ihr einen Einlauf. Sie ließ Eva allein zurück. Eva glaubte, jetzt sei es vorbei und sie müsse sterben. Körperflüssigkeiten liefen ihr aus allen Öffnungen. Sie versuchte vom Bett zur Kloschüssel zu gelangen, um das aufzufangen was ihr aus dem Hintern lief. Gleichzeitig musste sie sich auch übergeben.
Es war hoffnungslos. Irgendwo in einem Raum nebenan lachte jemand. Eva hatte keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Sie hörte Schreie, und merkte dann, dass sie aus ihrem Mund kamen. Jemand duschte sie ab und brachte sie woanders hin. Man gab ihr Spritzen und nach einer weiteren Nacht, in der Eva sich schwor, sich nie wieder ein Kind machen zu lassen, brachte sie einen gesunden, kräftigen Jungen zur Welt.
Jos Mutter konnte Eva nicht leiden. In ihren Augen war Jo der Traumprinz schlechthin und er hatte bestimmt was Besseres verdient, als diese dahergelaufene Eva. Aber jetzt war das Malheur passiert und er hatte sie geheiratet. Sie hielt Eva für unfähig einen Haushalt zu führen und sagte ihr das auch. Sie erklärte ihr wie die Wäsche auf der Leine zu hängen hatte, immer schön ein Hemdchen nach dem anderen, und eine Windel nach der anderen, und nicht alles durcheinander, so das die Nachbarn sich über die chaotischen Zustände wundern würden. Sie kochte weiterhin für Jo das Essen, aus Angst er würde bei Evas Kochkünsten schlecht ernährt. Sie hielt sich im Prinzip von dem frischgetrauten Paar fern, kontrollierte aber jeden zweiten oder dritten Tag Evas kleinen Haushalt auf Sauberkeit und Ordnung. Eva beschäftigte sich den ganzen Tag mit John, ihrem Sohn. Sie war, ohne dass sie wusste wie, zu einer dicken, rosigen jungen Mutter mutiert. Sie genoss das allein sein. Bis auf die kurzen Stippvisiten ihrer Schwiegermutter, sah sie niemanden. Jo kam erst am Abend von seiner Arbeit als Feinmechaniker zurück und sie gingen früh zu Bett.
Dass ihre Beziehung sich auf das Sexuelle beschränkte, merkte Eva erst, als sie sich, nach zwei Jahren Bevormundung, durch ihre Schwiegermutter, in einer kleinen Zwei-Zimmerwohnung in der Kasseler Innenstadt einmieteten. Jo suchte sich Arbeit als Fernfahrer, angeblich wegen des hohen Verdienstes, doch Eva dachte, nachdem er nur noch jedes zweite Wochenende nach Hause kam, dass er vor der Enge einer Zweierbeziehung mit Babynahrung im Kühlschrank und dem Geruch nach Windeln, flüchtete.
Sie trafen ein junges Paar, mit dem sie manchmal in die Disco gingen, während John bei seinen Grosseltern war. Eva war jetzt neunzehn und alles was sie erlebt hatte, war die Missachtung ihrer Person, die Benutzung ihres Körpers als Objekt, ohne die Chance, sich ihrer eigenen Sexualität bewusst werden zu können. Ihre Träume, den Weg einer Künstlerin zu gehen, zu malen und schreiben, hatte sie vergessen.
Ihr Selbst war nicht mehr da…
Früher hatten andere sie eingesperrt, heute sperrte sie sich selbst ein. Eine Art von Selbstekel hatte sie ergriffen. Sie empfand sich als nicht liebenswert und hässlich. Die meisten Menschen machten ihr angst und sie ging ihnen aus dem Weg.
Eva begann zu trinken.
An einem Samstagmorgen erklärte Jo, er müsse zu seiner Firma, den Lkw waschen. Nach dem Frühstück setzte er sich ins Auto und fuhr davon, Eva wollte für das Wochenende noch was einkaufen, hatte aber nicht genügend Geld. Deshalb setzte sie John in den Kinderwagen und ging ein paar Strassen weiter zu Jos Firma.
Niemand hatte ihn an diesem Morgen dort gesehen. Eva ging nach Hause und trank eine Grappa. Plötzlich wusste sie genau wo er war. Sie ging mit John zu einem Taxi und fuhr in die Mönchebergstraße. Dort stand, wie sie erwartet hatte, vor dem Haus, in dem Ute, ihre Discobegleiterin wohnte, Jos Auto. Eva klingelte. Ute öffnete ihr die Tür und ließ sie und John in die Wohnung. Jo saß, nur mit seiner Jeans bekleidet, auf Utes Bett. Erschrocken stand er auf und zog sich an. Eva begann zu weinen. „Wie lange geht das schon“, fragte sie. „Acht Monate“, sagte Ute. Jo lief aus der Wohnung, setzte sich in sein Auto und fuhr weg. Zu Hause setzte sich Eva an den Küchentisch und begann zu trinken. Sie telefonierte mit ihrer Schwiegermutter und bat sie John abzuholen.
Sie räumte den Tisch nicht mehr ab und ging nur nach draußen, um sich neuen Alkohol zu besorgen. Tagelang starrt sie kettenrauchend und trinkend vor sich hin. Jo ließ sich nicht mehr blicken.
Als der Müll vor ihr beträchtliche Ausmaße angenommen hatte, dachte sie daran, alles mit durchsichtigem Harz zu übergießen und es der Kasseler documenta zur Verfügung zu stellen.
Sie hatte Kopfweh und war auf der Suche nach Aspirin. Dabei fand sie viele Medikamentenschachteln. Sie nahm sie mit ins Wohnzimmer und untersuchte die Schachteln genauer, starke Schlaf- und Schmerzmittel waren dabei. Eva schüttete alle in ein großes Glas und zerstieß sie mit einem kleinen Teelöffel. Dann goss sie etwas heißes Wasser darüber, um das weiße Pulver aufzulösen.
Sie stellte das Glas auf das oberste Brett im Regal.
Dann setzte Eva sich wieder an den Küchentisch und trank weiter.
Asperin hatte sie nicht gefunden.
Als es draußen hell wurde, ging Eva mit einem Rest Brandy in der Flasche ins Zimmer und setzte sich vor das Regal auf den Boden. Sie schüttete Orangensaft in den weißen Brei und rührte sorgfältig um. Dann trank sie abwechselnd einen Schluck aus dem Glas und einen aus der Brandyflasche.


„Das Beste, was wir unseren Kindern hinterlassen können, sind gute Erinnerungen“


Epilog

Die authentische Geschichte der Eva ist kein Einzelfall.
In unserer Demokratie , mit ihrer rechtlich garantierten freiheitlichen Grundordnung , wird Kindern und Jugendlichen auch heute noch, vor allem das Recht auf die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, von unprofessionellen und inkompetenten Erziehern und Pädagogen, streitig gemacht. Oft sind Kinder psychopathischen Eltern ausgeliefert, ohne das die Umwelt davon Notiz nimmt. Kinder sind die Zukunft.
Will das überhaupt jemand verstehen?
Oder geht es dabei um die pervertierte Sexualität der „Erwachsenen“ und das ausleben von Macht ?
Ich lasse diese Fragen offen.

Rosa von Melsungen - Köln 22. 2. 2002

Staatliche „Fürsorge“-„Erziehung“ ist ein politischer Skandal.



Nachwort

Die Geschichte von Eva ist eine von sehr vielen.

Es gab in den 60er Jahren 3000 Heime mit 200.000 Plätzen. Wie viele Kinder zwischen 1945 und 1975 in den Heimen waren, kann nur geschätzt werden. „Heute leben vermutlich noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber mehr als eine Million ehemaliger Heimkinder aus dieser Zeit unter uns. Sie sind zwischen 40 und 65 Jahre alt.“ Stellt Peter Wensierski in seinem Buch fest, das entschieden half diese Zustände in die Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Man wusste, was in den Heimen vor sich ging, denn vielen Jugendlichen wurde damals auch in ganz normalen Familien mit dem Heim gedroht.
Wer Jahre im Heim verbracht hat, ist Zeit seines Lebens bis heute gezeichnet. Wie viele sich später umgebracht haben, Deutschland verlassen oder aufgrund der Schäden schon gestorben sind, ist nicht bekannt.
Die meisten schweigen bis heute. Nur wenigen wagen sich zu offenbaren. Sie haben Angst noch weiter stigmatisiert zu werden - und das berechtigt.
Alle sind schwer traumatisiert. Neben psychischen Schäden leiden sie auch unter massiven gesundheitlichen Folgen, denn eine ausreichende medizinische Versorgung gab es nicht. Ein normales Leben mit Beruf war den allerwenigsten möglich, sie wurden an den Rand der Gesellschaft geschoben, bis heute.

Die so genannte „Fürsorge“ der konfessionellen und staatlichen Heime hat die jungen Menschen zerstört.
Mitgewirkt haben: Nachbarn, Lehrer, Vormünder, Jugendämter, Polizei, Ärzte und viele andere. Eine Heimaufsicht gab es nicht oder sie hat weggeschaut.
Eine tätige Verantwortung hat bis heute niemand übernommen:
o Die Kinderarbeit der unter 14-jährigen, wurde nicht geahndet, obwohl auch damals strafbar.
o Es gibt keine Erstattung für die erzwungene Arbeit der Jugendlichen, noch wird sie bei der Rentenberechung anerkannt.
o Es gibt keine Entschädigung für die erlittenen psychischen und körperlichen Schäden und den Freiheitsentzug.
o Für daraus entstandenen Notlagen fühlt sich niemand zuständig. Die Menschen werden auch heute immer wieder retraumatisiert, wenn ihr Leid nicht anerkannt wird.

Und die Folgen der Heimerziehung gehen weiter: Die Traumatisierung wirkt sich auch auf deren Kinder und Enkel aus. Auch diese sind gezeichnet, auch diese bedürfen der therapeutischen Hilfe.

Delf Schnappauf - 2006




Mädchenerziehungsheim "Fuldatal"
im ehemaligen Kloster Breitenau